Beiträge von Antagonist


    01. Intro
    02. Ich und mein Bruder
    03. Passende Zeit
    04. Mood
    05. Unabhängig
    06. High Five
    07. Niemals
    08. Frag mich nicht
    09. Probleme
    10. Kein Tag
    11. Alright
    12. Outro


    In einer künstlerischen Sackgasse befanden sie sich beide, die Brüder, die mit ihrem ersten gemeinsamen Projekt eine in ihrer Karriere noch nie dagewesene Öffentlichkeit im Rapkosmos generieren. Natürlich darf der Name des Erfolgslabels Four Music in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben, ohne die so manche Vermarktungsplattform bestimmt ungenutzt geblieben wäre, aber dieses Signing ist hiermit in der Review-Checklist abgehakt, denn hier soll es um die Musik gehen. Davon gab es in den vergangenen Jahren nämlich äußerst wenig zu hören: Mädness gab sich nach seinem Opus "Maggo" dem Dasein als Pattern-Pensionär und Braumeister hin, während sein jünger Bruder, nach "Weit entfernt" zum "Next big thing" auserkoren, an sich selbst und den Erwartungen scheiternd, dahinsiechte und sich den Status des ewigen Talents erwarb. Doch diesen Nullpunkt, der nach dem beruflichen Ausscheiden des Gude-Goutiers eingeleitet wurde, sollte sich als Kickstarter entpuppen. Auf zwei ausschweifenden Touren begleitete man zunächst Audio88&Yassin und dann sogar K.I.Z. und konnte in ausverkauften Hallen für hessische Wertarbeit werben. Getreu dem Stieber-Twins-Bonmonts, "Ich und mein Bruder" versucht das Duo, den großen Sprung nun gemeinsam zu schaffen, mal sehen wie sie sich hierbei anstellen.


    Oder denkst du, ich messe Erfolg an dein' Erwartungen?/
    Glaubst du, ich geb 'en Fick, wenn jemand sagt, das hier hat Pathos?/
    Ich weiß, dass viele dachten, wir kriegen niemals unseren Arsch hoch/
    Aber alles gut, meine Mutter sagt immer noch Marco/

    Mädness auf "Outro"


    Der Anfang ist das Ende; und so stand der letzte wirkliche Song und die textgewordene Bestandaufnahme "Alright" schon in der ersten Aufnahmesession im Thüringer Wald. Mit seiner Reflektion der Vergangenheit, in der bestimmt nicht alles rund lief und dem daraus gewonnenen Credo, dass daran zu zerbrechen die Situation bestimmt nicht verbessern würde, offenbart sich als textliche Blaupause für den weiteren Schaffensprozess. Im hochemotionalen "Kein Tag" beschreiben die Brüder das Aufwachsen ohne den früh verstorbenen Vater, während Mädness hier eine harmonische Hook abliefert, überzeugt auf dem mit Blechbläsern arrangierten Instrumental besonders der zweifelnde Döll, der seine emotionale Verwundbarkeit offen zur Schau stellt. Torky Tork, hier unterstützt von Yassin, schafft hier eine stimmungsvolle Untermalung und demonstriert als Hauptproduzent seine Vielseitigkeit. Deutlich treibender setzt er die MCs auf "Mood" in Szene, dessen Beat den MCs die Möglichkeit bietet, sich aus der Komfortzone zu bewegen und Mädness zu trappigen Anwandlungen wie Döll zum Flexen animiert.


    Wenn sich die Qualität eines Rappers in erster Linie darauf beschränkt, den Text durch seinen Vortrag deutlich aufzuwerten, bewegt sich hier besonders Mädness im Olymp. Keineswegs schlecht sind zwar die Lyrics, doch durch die exzellent gesetzten Betonungen mit dunkler Stimme harmoniert er denkbar gut mit den Produktionen. Deutlich getriebener als der abgeklärtere Bruder wirkt Döll, der fast auf jedem Track den zweiten Part nachlegt und sich mit effektvollen Flowpassagen dem Beat wie wenige deutsche Rapper anpasst und der etwas unkonventionelleren Art zu schreiben und seine Reime zu setzen, ein ebenso interessantes Gesamtpaket liefert. Das Aufwiegen der jeweiligen Vorteile zur Leistungsdiagnostik ist für die Beurteilung des Albums ohnehin nicht zielführend, da sich die Qualität des Werks sicherlich aus dem Zusammenspiel des Geschwisterpaares ergibt. Wie für dieses Projekt angemessen lassen die Darmstädter sich in den Strophen von niemandem reinpfuschen und greifen lediglich, um in den Refrains ein bisschen mehr Abwechslung zu schaffen, auf vereinzelte Gesangs-Features zurück. Kein Track zu viel findet sich auf der mit zwölf Titeln auserlesenen Playlist, deren Stimmigkeit sich auch dadurch begründen lässt, dass die Produzenten, etwa Dexter oder Gibmafuffi, zum Inner Circle des Gespanns gehören.


    Ich bin noch lange nicht angekommen, doch schätze, so geht es jedem Pendler/
    Und sag's mir viel zu oft, doch hoff', ich denk' dran/
    Du willst Dinge ändern? Digger, fang' bei dir selbst an/
    Und fick die Sucht, fick den Frust, mutterfick die Existenzangst/

    Döll auf "Outro"


    Fazit:
    Einen exzellent gerappten Rahmen bieten die Einleitung und eben das Outro, bei welchem Döll den Kampf mit den eigenen Dämonen sehr treffend zusammenfasst und der dem Schaffensprozess eine gewisse Plastizität gibt. Selten war mir bei einem Album verständlicher, warum es genau in diesem Moment rauskommen musste. Diese Alternativlosigkeit sorgt für eine enorme Authentizität, man frisst den Neu-Berlinern quasi aus der Hand und spürt die Schlaglöcher auf dem bisherigen Lebensweg. Neben dieser Atmosphäre, die man förmlich schneiden kann, vermag es das Brüderpaar auch handwerklich rundum zu überzeugen. Auf smoothe Produktionen flowt das Tandem variantenreich und sorgt somit für eine klassische Rap-Platte, die allerdings in keiner Weise zu puristisch oder rückwärtsgewandt erscheint. Neben "Mood" und dem Titeltrack fehlen mir allerdings ein wenig die treibenden Elemente und auch die Songstrukturen wirken wenig frisch, sodass hier leichte Abzüge in der B-Note anfallen. Nichtsdestotrotz liefern Mädness & Döll eine bemerkenswerte Platte ab, die bei mir sicherlich noch einige skipfreie Durchgänge erhält und einen vielversprechenden Start in die Karriere als Vollzeitrapper verspricht.



    Lennart Gerhardt


    [redbew]2238[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2238[/reframe]


    01. Machen Plus
    02. Dampflampen
    feat. Botanikker
    03. Erste Blüte
    04. Kushpaffer
    05. Hart erdealtes Geld
    feat. Olexesh
    06. Hunnies feat. Botanikker
    07. Bankberater
    08. Maria
    09. Zuhälterbart
    10. Schnellfuckerhose
    11. Dopedealer
    feat. Botanikker
    12. Heuschnupfen
    13. Nightliner
    14. Medizin im Paper
    feat. Herzog
    15. Damals


    "Mit Plus kann man kein Minus machen" – die simple Gleichung, die der Berliner Rapper mit seinem Labeldebüt "Die Ernte" aufstellte, ging für Kopfticker-Oberhaupt Xatar auf, denn die Platte seines Schützlings konnte mit Platz 12 in den Charts durchaus einen Achtungserfolg feiern. Auf die Essenz reduziert wie Cannabisöl widmet sich der Lichtenberger Charakterkopf lediglich ein Jahr nach seinem jüngsten Streich erneut den "Blättern, die die Welt bedeuten" und versucht mit "Kush Hunter" direkt da anzuknüpfen, wo im vergangenen Jahr der Weg endete. Schon in der Promotionsphase ließ sich eine fortschreitende Professionalisierung bemerken, hervorzuheben ist hier besonders die Einheitlichkeit aus Persona, Musik und daraus folgenden Marketingmaßnahmen, die Label und Künstler zu generieren vermögen. Deshalb soll in der folgenden Bewertung im Mittelpunkt stehen, ob sich die Akribie in der Präsentation auch in der musikalische Entwicklung widerspiegelt und im Vergleich zum Vorgänger ein Weiterentwicklungsprozess stattgefunden hat.


    Brusthaare wie ein Mann, bring das Gold nicht zur Bank/
    Lieferant Rotterdam, rühr die Ware nicht an/
    Kripobeamten platzt langsam der Kopf/
    Kein Fingerabruck auf dem gottverdammten Stoff/

    (Plusmacher auf "Die erste Blüte")


    Wie der Titel "Kush Hunter" erahnen lässt, zeigt sich Maryson Ford auf sämtlichen Anspielstationen zielsicher als "Jäger des verlorenen Buds". Die grüne Knospe ist stets thematischer Fixpunkt, wovon der Rapper allerdings die unterschiedlichsten Fäden spannt, um textlicher Monotonie vorzubeugen. Den größten Batzen wird hier sicherlich dem Representer eingeräumt, bei welchem der Drogenschieber eifrig an seinem Personenkult strickt. Mit "Platte, hinter der die Sonne Schutz sucht" und dem kultivierten Zuhälterbart verfügt er über augenscheinliche Erkennungsmerkmale, deren lyrischer Verarbeitung ordentlich Zeit eingeräumt wird. Neben dem Drogenverticken ist der Anbau ein weiteres Steckenpferd des Berufsbotanikers, der mit Dampflampen ausgestattet das Gras zum Glänzen bringt. Mit dem gleichnamigen Track enthält das Album ein frühes Highlight, welches ein Feature von Botanikker beinhaltet und enorm durch den treibenden Beat von The Breed profitiert. War der Sound des Vorgängers deutlicher dem klassischen BoomBap zuzuordnen, fordert die Dynamik der Produktion hier einen größeren Anspruch an den Flow des Künstlers, der seine Stärke der markanten Betonung hier gewinnbringend einsetzen kann. Hooks geraten zwar sehr simpel, wie etwa bei der ersten Single-Auskopplung "Die erste Blüte", doch wirken sie wie geschaffen für die kommende Tour des Berliners. Enorm zur Kurzweiligkeit tragen auch die Feature-Gäste wie Plusis schon genannter "Brother in Haze" Botanikker oder der deutlich weniger erwartete Olexesh bei. Die gelungenste Kooperation entsteht allerdings zweifellos mit Herzog, der auf "Medizin im Paper" sein Bewerbungsschreiben für das Amt des Agrarministers abliefert und mit einem im Rap häufig vernachlässigten Rechtfertigungsform, nämlich Argumenten, auffährt. Ob dieses harmonischen Zusammenspiels fällt die Abwesenheit Karate Andis deutlich weniger ins Gewicht, dessen Beitrag auf vorherigen Veröffentlichungen immer eine besondere Stellung einnahm. Die Chemie mit dem Bombenprodukt-Oberhaupt fußt nicht nur auf der ähnlichen Themensetzung, sondern man spürt förmlich, dass der Track nicht durch das flüchtige Schicken von Audiofiles zustande gekommen ist, sondern die Künstler zusammen im Studio gebastelt haben.


    Sativa und Indica, war Dealer dann in die Charts/
    High 'til I die, ich war niemals zufriedener/
    Jetzt will ich Coffeeshops, THC Lollipops/
    Nicht mehr GHB-Woddie-Shots/

    (Herzog auf "Medizin im Paper")


    Diese Stimmigkeit, die hier perfekt eingefangen wird, ist Im Vergleich zum Vorgänger ein Pfund auf der Waage: Raptechnisch stellt der Hörer eine weitere Entwicklung beim Plusmacher fest, die Reime etwa sind bisweilen immer noch schmutzig wie auf den Vorgängeralben, wirken aber durch das höhere Maß an Routine deutlich besser gesetzt. Auch die Straffung auf lediglich 15 Anspielstationen tut dem Release durchaus gut und so fällt kaum ein Track durchs Qualitätsraster. Lediglich die häufige Verweiblichung von "Maria", hauptsächlich natürlich auf dem gleichnamigen Titel, wirken inzwischen doch mehr als ausgelutscht, obwohl selbst dieser Track klanglich überzeugt. Attitude und starke Oneliner ("Die Geister, die ich rief, kommen in Zivil") auf klassischen Representer sind zwar weiterhin Kernkompetenz des Schnauzbartträgers, doch ein erfolgreiches Bemühen, diese Grenzen zu erweitern, sind durchaus spürbar. So ist "Damals" ein ehrliches Resümee des steinigen Werdegangs mit dem klaren Appell, dass nicht für Jedermann am Ende des Weges ein mit Gold gefüllter Topf stehen wird. Zwar inhaltlich wenig spektakulär, doch stilistisch variabel gerät "Schnellfuckerhose": Hier verarbeitet Plusmacher den Trap-Beat auf seine eigene Art und Weise und wirkt deutlich weniger anbiedernd als der ein oder andere Trendparasit.


    Fazit:
    Nach dem wirklich guten "Die Ernte" schafft es Magnum-MC, sich in sämtlichen relevanten Kriterien nochmal zu steigern und liefert ein wahres Subgenrejuwel. Die Grundaggressivität, die im Straßen- oder präziser Tickerrap erforderlich ist, sind ebenso auf seiner Klaviatur wie sein trockener, bisweilen plumper Humor. The Breed, die sich klar federführend der Produktion zeigt, liefert hier ein exzellentes Kit, das sitzt wie ein Maßanzug und dem Magdeburger die Möglichkeit gibt, ein Album abzuliefern, das sich auch nach etlichen Durchgängen weniger abnutzt als der Vorgänger. Zeitgemäß und dennoch eigenständig sind Attribute, die den Instrumentals zuzuordnen sind, die durch ihren treibenden Charakter auch bei Live-Auftritten ordentlich zum Tragen kommen werden. So steigert sich der Plusmacher auf hohem Niveau und bietet lediglich marginale Kritikpunkte, etwa die Überrepräsentation genannter Ausdrücke. Wer "Die Ernte" mochte, wird "Kush Hunter" lieben, selten war diese Werbephrase angemessener.



    Lennart Gerhardt


    [redbew]2208[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2208[/reframe]


    01. Halleluja
    02. Asia Box
    03. Jammerlappen
    04. K.R.A.U.M.H.
    feat. Doz9
    05. Gnade feat. Nico
    06. Beat Konducta Brandenburg
    07. Weshalb ich Menschen nicht mag
    08. Schellen


    Das Jahr 2015 war zweifellos das erfolgreichste in der Laufbahn des chronisch schlechtgelaunten Fleischmützenträgers Audio88 und seines langjährigen Partners Yassin, der seinen Zweitjob als George-Clooney-Double auf Junggesellenabschieden endlich kündigte, sodass sich das Duo Infernale Vollzeit dem Deutschrap-Business widmen konnte. Samtig weich begab sich die wohl normalste Kombo der Republik mit der verfassungsfeindlichen Krawallkapelle K.I.Z. auf große Deutschlandtour und beehrte auch das ein oder andere Festival mit ihrer Anwesenheit. Mit "Schellen" lieferte man ebenfalls noch im abgelaufenen Kalenderjahr einen Vorboten für "Halleluja", den die beiden vermutlich ebenfalls noch nicht als einen solchen intendierten. Sozialkritisch wie eh und je watschte man den rechten Rand und Alltagsrassismen ab und hätte damit den Zeitgeist nicht zärtlicher liebkosen können. Nun also "Halleluja"; ob als göttliche Abrechnung oder als Abrechnung mit dem Gottglauben bleibt zunächst offen, doch sicher scheint, dass die beiden Erzengel ihren querulantischen Geist nicht verloren haben.


    Du hast die Tastentöne laut gestellt/
    Halleluja! Dich hat der Beelzebub schon auserwählt/
    Und dank deines 'Tanzen-ist-auch-Sport'-Beutels/
    Wird er dich pirouettendrehend mit nach Hause nehmen/

    Audio88 auf "Halleluja"


    Während Prinz Porno für seine Bibel einst sechs Wörter benötigte ("Ich bin tight, ihr seid wack"), reduzieren die beiden Hohepriester die Aussage ihres Testaments im Wesentlichen auf das Mantra "Sei kein Spast", dessen Einhaltung vor dem Fegefeuer schützt. Neben "Schellen", das aus der Perspektive eines Schlechtmenschen gedichtet ist, sticht hier besonders der Audio88-Solotrip "Weshalb ich Menschen nicht mag" in seiner vehementen Kritik hervor. Die Bezeichnung des Misanthropen lehnt der leidenschaftliche Finger-in-die-Wunde-Stecker ab – zurecht, sind doch seine Abneigungen entgegen dem allgemein gehaltenen Titel immer selektiv und umfassend begründet. Die Parts des 88ers lösen eine interessante Mischung aus zustimmendem Nicken und kurzem Ertapptfühlen aus und profitieren von der sukzessiven Entwicklung des Rapvortrags, der es ermöglicht, die gewohnt genialen One-Liner ("Relativieren ist niemals eine Meinung") würdig zu inszenieren. Während der Fokus seines Partners deutlich mehr auf zitierwürdige Passagen gelegt worden ist, beweist Yassin etwa auf dem Titeltrack "Halleluja" sein Gespür für harmonische Hooks. Die Arbeitsteilung von Part und Refrain funktioniert fabelhaft und durch die orchestralen Klänge, die Produzent Dexter hier arrangiert, liefert man einen lehrbuchhaften Opener. Audio88 kehrt seine Wut offensiv nach außen, sein graumelierter Gevatter sorgt hingegen mit seiner Introspektive "Jammerlappen" für ungewohnte Töne. Das ernüchternde Suhlen im Selbstmitleid sowie der Umgang mit dem Altern werden von Yassin, der offensichtlich weitere deepe Themen außerhalb von Hoffnung, Trauer und Freimaurerlogen kennt, angeschnitten und zu einem authentischen wie atmosphärischen Titel verarbeitet. Neben "Asia Box", das von Torky Tork mit einem fernöstlichen Sample ausgestattet wurde, ist besonders die Kooperation mit Nico, "Gnade", der größte Gehörfänger. In biblischer Breite (an dieser Stelle kein bemühter Bezug zum Albumtitel) wird auf diesem sechsminütigen Ungetüm inhaltlich alles zusammengefasst, wofür das Duo steht. Yassin entwickelt sich hier mit Lines wie "Wenn ich deine Songs nicht feier, holt der Teufel sich dein Kind", zum Most Valuable Player und liefert erneut eine bemerkenswerte Hook, die durch die epische Inszenierung von Farhot aufgewertet wird.


    Denn das Wort der Straße dringt auch durch schalldichte Wände/
    Ich sitze nachts im Studio und such' für die Zeile ein Ende/
    Und von draußen brüllt es ohne Unterlass hinein:/
    "Musik ist keine Arbeit, macht sie dich nicht reich"/

    Yassin auf "K.R.A.U.M.H."


    Fazit:
    Das Niveau der Auskopplungen kann über die gesamte Laufzeit zwar nicht gehalten werden, dennoch bieten Audio88 & Yassin mit "Halleluja" eine durchaus kurzweilige EP, wobei sich 'kurzweilig' eindeutig auf die musikalische Vielfalt und nicht auf den dargebotenen Themenkosmos bezieht. Denn entgegen der durch Auskopplungen und Artwork geweckten Erwartungen ist der Kirchenkomplex nur ein peripher behandelter Inhaltspunkt. Eine gewisse Einheitlichkeit wäre allerdings durchaus wünschenswert gewesen, denn so gerät "Halleluja" gewissermaßen zur Schnipselcollage von Sammelstücken aus den vergangenen Wochen, Monaten und teilweise Jahren. Szenehass und Gesellschaftskritik sind noch immer Grundpfeiler der gemeinsamen Religion und werden auf unnachahmliche Weise kultiviert. Auch für die weitere tragende Säule, die Beats, wurde durch Kooperationen mit großen Namen wie Dexter und Farhot wieder ein solides Fundament gelegt, sodass "Halleluja" deutlich mehr ist als nur eine Überbrückung bis zum nächsten Langspieler.



    Lennart Gerhardt


    [redbew]2080[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2080[/reframe]


    Um den Ruhepuls zu bewahren und allgemein niedrigeres Frustrationsniveau zu gewährleisten, ist eine selektive Wahrnehmung der Deutschraplandschaft dringend anzuraten. Auch mit Seyed, dem ersten Signing von Kollegahs neuinitiiertem Label "Alpha Music", verfuhr ich nach der ersten Auskopplung "MP5", auf dem sich auch sein Patron die Ehre gab, nach dieser Schmerzvermeidungsroutine. Zu sehr erweckte der Wiesbadener den Eindruck einer lieblosen Skizzenzeichnung aus dem Atelier des ehemaligen Malwettberwerbskönigs. Allerdings wirkte sein Beta-Typ, sein "Majoe 2.0", ähnlich unausgegoren wie das Original, denn neben dem prototypischen Look sparte man offensichtlich an künstlerischer Eigenständigkeit. Bedauerlicherweise war meine Vernunft schnell aufgebraucht und da ich zudem über eine gewisse masochistische Ader zu verfügen scheine, sichtete ich in der Folge jede Veröffentlichung des Hessen (Biblische Zahl einfügen)-mal. Neben Wut, dass eine solche Chance an Seyed verschwendet wird und nicht an einen Rapper, der diese Bezeichnung auch verdient, machte mich die Promophase regelrecht traurig. Auskopplungen bis zum Eksodus (Schreibweise beabsichtigt), dazu mannigfaltige Freetracks und dabei stets als Feature-Gast in vorderster Front: Kollegah. Der Boss, der King, jetzt der Macher, vertraut seinem Erzeugnis offensichtlich in keiner Weise, sondern nutzt sein geschnitztes Zepter wie Teppichklopfer, mit dem er die letzten Ersparnisse aus den Kopfkissen seiner Anhängerschaft prügelt. Nicht ohne Grund ist dem Boxset zu "Engel mit der AK" eine EP mit Kollegah beigelegt. Dabei wirkt auch der selbsternannte Zuhälterrapper einmal mehr wie eine Karikatur seiner Selbst und gewinnt das Bad-Bars-Battle gegen Farid Bang und Seyed mit Lines wie "Der Boss ist wie ein Igel, wenn du ihm in den Rücken fällst, sticht er dich" ("Schlangen") spielend.


    Denn sind wir ehrlich, der Käuferanteil, welcher das Debüt des 21-Jährigen und kein Werk seines Label-CEOs besitzt, sollte kleiner sein als der Bestand von Schneeleoparden in freier Wildbahn (an dieser Stelle können Sie spenden). Gegen Seyed wirkt Musils "Mann ohne Eigenschaften" wie ein interessanter Typ, den man unbedingt mal kennen lernen möchte und bevor das Image als authentisch aufgefasst werden könnte, rappt SSIO den dritten Part aus "Lockige Brusthaare". Wer jeden Raptext als authentische Tatsachenschilderung betrachtet, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen. Doch während etwa bei Bushidos "Sonny Black" durch bewusste Überzeichnung ein gewisses Augenzwinkern nicht geleugnet werden kann, weckt der pointenlose Vortrag des Alphamännchens meinen "Inneren Fler". Textauszüge gefällig:


    Wiesbaden – meine Stadt!/
    Da, wo halbstarke Kids Krawall machen, bis die Cops kommen, und es täglich Gewalttaten gibt/
    Da, wo die Mädchen Blowjobs geben für ein paar Cokerocks/
    Licht verirrt sich nicht in die Schatten von diesen Wohnblocks/
    Hier kommst du nur weiter, wenn du dich täglich hochboxt/
    Hart und stabil bleibst und keine Miene zeigst, so wie mit Botox/

    (Seyed auf "Rap oder Einzelhaft")


    Die Frage, ob es in Deutschlands Ghettos gibt und die anschließende Problematik, ob Straßenrap authentisch sein kann, ist so alt wie das Subgenre selbst, in diesem Zusammenhang jedoch nur peripher interessant. Denn in welchen Fantasiewelten sich Seyed auch herumtreiben mag, Wiesbaden kann er nicht gemeint haben. "Was zur Hölle ist die East Side Baltimore, wer ist dieser Stringer Bell? Ich bin Seyed aus Wiesbaden", denkt unser Held kurz in seinen tiefsten Träumen und wird in der beschaulichen hessischen Landeshauptstadt wach. Da er im Kurier gelesen hat, dass seine Heimatstadt auf dem drittletzten Platz der Kriminalitätsstatistik liegt, ist der Deutsch-Iraner heute schlecht gelaunt: "Wir sind doch so schlimme Jungs", quengelt der Halbstarke und pudert sich die Nase, dass sein Gesicht beim Videodreh nicht so glänzt. Wohnblocks sieht man hier wenige und die gutrestaurierten Altbauten machen es fast unmöglich, eine bezahlbare Mietwohnung zu finden. Besonders Rentner schätzen die idyllische Rheinstadt, nicht zuletzt wegen des angrenzenden Taunus mit Kurorten wie Bad Schwalbach. "Bitch, ich war noch nie beim Juwelier ohne Sturmmaske auf", rappt Seyed auf "MP5". Mach dich nicht lächerlich Junge, du drückst dir an den Tiffanys die Nase platt wie Holly Golightly und die Skimaske trägst du manchmal in der Brita-Arena bei Spielen vom SV Wehen-Wiesbaden.


    Deshalb war die Wut so groß, Schlägerei'n im U-Bahnhof/
    Mama hat mich gut erzogen/
    Doch außer ihr gab ich niemandem Respekt, außer meinem Fußballcoach/
    Ich leb' in Isolationshaft in der Enge der Großstadt/
    (Seyed auf "Koffer voller Cash")


    Seyed ist so ein brutaler Typ, dass er sogar nach Frankfurt fährt, um sich in einem U-Bahnhof zu prügeln, denn in seiner Heimatstadt wird er einen solchen nicht finden. Aber solche Ungenauigkeiten kann man wohl für eine weitere Reimsilbe in Kauf nehmen oder Kollegah hat einfach vergessen, die Lines aus seinem alten Textbuch, die er wegen mangelnder arabischer Abstammung nicht verwenden konnte, anzupassen. Auch wenn Chef Toni mit Seyed eine fade Retorte, eine rappende Semmel aus fertiger Backmischung kredenzt hat, wird eine hohe Platzierung in den Charts nur reine Formsache sein und da man ob des Karmas Willen niemanden Schlechtes wünschen sollte, hoffe ich, dass Ihr alle für die Schneeleoparden spendet, um meinen Counter wieder auszugleichen (Link findet Ihr im Text).



    Lennart Gerhardt


    01. Vorwort
    02. Haus am Mehr
    03. Countdown
    04. Klopapier
    05. Epochalität
    feat. Megaloh
    06. Tellerrand
    07. Himmel (Skit)
    08. Mittendrin
    09. So Good
    10. Bisschen mein Ding
    11. Mimimi
    12. Letzte Überlieferung (Skit)
    13. Was ich fühl
    14. Papa weint nicht
    15. Von dir Mama
    16. Berühmte letzte Worte


    Das würdige musikalische Altern ist für die erste Reim-Generationen ein weiterhin schwieriges, weil weitestgehend unerforschtes Terrain. Auch Samy Deluxe, in grauer Vorzeit über jede Kritik erhabener Mitbegründer der Hamburger Rapszene (nach 187 versteht sich), bekam im Zuge seiner jüngsten Veröffentlichungen Kritik seiner Fan-Basis zu spüren. Während man ihm Kernkompetenzen, wie seine unglaublichen Live-Skills, nur schwerlich absprechen kann, löste sein aktuelles Release "Männlich" bestenfalls gespaltene Meinungen aus. Der Gegenwind beschränkte sich hier nicht nur auf ein kleingeistiges "Rapp doch mal wieder so wie früher", sondern setzte tiefer an und bezweifelte verbliebene Inspiration und Innovationskraft des ehemaligen Dynamite-Deluxe-Rappers, dessen Sessel in der Deutschrap-Ruhmeshalle zusehends ungemütlicher wurde. Sehr vielsagend erscheint deshalb der neue Albumtitel "Berühmte letzte Worte", welcher einen Abgesang der tatsächlich etwas grau gewordenen MC-Eminenz verspricht. Da die letzten mit den ersten Worten wohl den längsten Nachhall haben, sind sie mit äußerstem Bedacht zu wählen – gelingt es Samy Deluxe, hier nochmal ein Monument zu schaffen, oder fügt er dem eigenen Denkmal weitere Schrammen zu?


    Aber will viel, mir reicht Peters Haus am See nicht/
    Ich war nie Businessmann und Verkaufsstratege/
    Ich schreibe lieber Lieder, spreche Menschen aus der Seele/
    Doch will mehr, als würde ich Surfer sein/

    (Samy Deluxe auf "Haus am Mehr")


    "Es kommt euch vor, als hättet ihr grad die Biografie gelesen" ("Vorwort"), den Effekt, welchen der Rapper mit dem Langspieler erzielen möchte, wird schon im Intro klar gemacht und der Wickeda MC bleibt dieser Linie treu. Während sich etwa die OTW-Reihe ihre Existenzgrundlage besonders durch Flowpattern und Wortspielerei verdient, ist hier zweifellos der Fokus auf inhaltliche Aspekte gelegt. Hier muss man bisweilen gewisse textliche Passagen mit also nahe liegenden Verweisen und bemühten Vergleichen (siehe Textbeispiel 1) allerdings ausblenden, um sich nicht um den Hörgenuss zu bringen; dass dies gelingen kann, ist in erster Linie der Musikalität der Platte zuzuschreiben. War die im Vorjahr erschiene ASD-Auskopplung "Blockbasta", in dem sich Samy mit Gefährte Afrob auf Synthie-Bangern austoben konnten, auf Bühnenshows ausgelegt, ist die Instrumentierung hier deutlich dezenter gehalten und wirkt eher unterstützend als übertönend. Bazzazian, der sich zunächst als Azzlack-Hausproduzent einen Namen gemacht hat, übernimmt hier die gestalterische Hoheit und ist auf fast jedem Track vertreten, wobei er etwa von Farhot oder Deluxe selbst unterstützt wird. Der Sound ist wie die inhaltliche Ausarbeitung wahnsinnig kohärent, verzichtet dabei jedoch nicht auf Variationen wie den Titeltrack "Berühmte letzte Worte", der durch seinen treibenden Charakter eine der bemerkenswertesten Auskopplungen darstellt. Auch bei den Featuregästen greift Samy auf eine erlesene Auswahl zurück, Megaloh, dem zurzeit fast alles zu gelingen scheint, ist sogar der einzige, der namentlich auf dem Plattencover erscheint. Lediglich das Wort "Mehr" steuert Nena im Refrain der Singleauskopplung "Haus am Mehr" bei und hat dennoch einen großen Anteil an dem wohl besten Albumtitel. Ungemein melodisch und auch inhaltlich ansprechend nimmt sich der ehemalige Dauerkiffer dem eigenen Altern ("Heute bin ich schon nach einem Joint platt") und den Schattenseiten des unstillbaren Erfolgshungers an ("Wie viele Jahre kann ich als Rapper noch relevant sein"). Einen thematisch ähnlich gelagerten und textlich nicht weniger stimmigen Track stellt "Coutdown" dar, der die durchschaubare Konzeption von Radiohits mit Hookbeiträgen wie Andreas Bourani sowie die Abhängigkeit von äußerem Feedback kritisch beäugt.
    Der reflektierende Samy, der als unangenehmer Geist gesellschaftliche Themen bearbeitet, ist neben dem persönlichen Archivar des eigenen Nachlasses die zweite Facette, die auf "Berühmte letzte Worte" ausgeprägt ist. An der vorherrschenden Oberflächlichkeit, die Songs wie "Mimimi" oder "Klopapier" zweifellos innewohnt, kranken allerdings die durchaus unterstützungswürdigen Aussagen der Tracks, denen es für beißende Sozialkritik an einem ausgeprägten Gebiss mangelt. Überzeugender agiert der Hamburger jedoch, wenn der Fokus auf die persönlichen Erlebnisse gelenkt wird; herausragend ist in dieser Hinsicht der Track "Papa weint nicht", der die schmerzliche Konstellation mit dem in den USA lebenden Sohn schildert.


    In Großstädten auf Hochhäusern/
    Auf Koksfeten mit Kronleuchtern/
    Trink ich Freibier mit Freimaurern/
    Lass mich einfrieren, dann einmauern/

    (Samy Deluxe auf "Berühmte letzte Worte")


    Im 16bars-Interview wurde der Hamburger mit der logischen Frage konfrontiert, ob "Berühmte letzte Worte" das letzte Werk des MCs sei. "Wird es nicht, sofern nichts Unvorhergesehenes passiert", konnte Samy sinngemäß abwiegeln. Dieser Eventualität, wichtige persönliche Themen musikalisch nicht rekapituliert und damit brennende Themen nicht verarbeitet zu haben, entzog er sich durch diesen chronischen Rundumschlag, der deshalb nicht als Abschiedsgruß des Rappers, sondern vielmehr als Testament bezeichnet werden kann.


    "Erwachsen" hat sich in der Deutschrap-Kritik als veritables Schimpfwort durchgesetzt – so steht "erwachsen" im Kontext eher für "bieder", "angepasst" oder "poppig", als für "reflektiert", "ausgereift" und "musikalisch". Den Balanceakt dieser Lesarten meistert "Berühmte letzte Worte" recht mühelos, sodass es der zweiten Attributskette deutlich mehr entspricht. Der riesige Erfahrungsschatz kommt dem Rapper im Vergleich zu jüngeren Kollegen hier sicherlich zu Gute, denn fast vier Jahrzehnte Lebensmaterial sind deutlich abendfüllender als zarte Selbstreflexionsakte von Studenten in ihren Zwanzigern. Musikalisch haben Bazzazian und Konsorten dem Release ein stimmiges, düsteres Gewand angelegt, das ein absolutes Kontrastprogramm zum letztjährigen ASD-Album darstellt. Sowohl Producer als auch der versierte Wortakrobat schaffen so ein stimmiges Gesamtbild, das allerdings nicht über Längen im Mittelteil erhaben ist. Auch textlich finden sich Kritikpunkte: Es wirkt zeitweise, als müsste der Inhalt hinter der Form zurückstecken, was gerade bei politischen Tracks bisweilen zu einer oberflächlichen Betrachtungsweise beiträgt. Deutlich besser gelingt Samy Deluxe das Vermitteln seiner durchlebten Emotionen, diese menschliche Nahbarkeit ging in den vorherigen Veröffentlichungen vielleicht etwas abhanden und dadurch gelingt dem Hamburger wohl sein bestes Album seit einigen Jahren.



    Lennart Gerhardt


    [redbew]2063[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2063[/reframe]


    01. Gott sieht alles
    02. Eisen
    03. Eckkneipenhustler
    04. Mofa
    05. Kleid deiner Mutter
    feat. Nico
    06. Spiegel
    07. Gebrochener Knieboogie
    08. Flatrate
    09. Schwarzer Krauser
    10. Komm im Bimma
    11. Spiel des Lebens
    12. Lass mal bleiben
    feat. Meggy
    13. Haram Cipher feat. John Borno & MC Bomber


    Releases des Labels Selfmade hatten es in jüngerer Vergangenheit nicht unbedingt leicht, denn während sich die betriebswirtschaftliche Seite der Medaille goldglänzend präsentierte, setzte man künstlerisch auf eine durchaus konventionelle Ausrichtung, die für gespaltene Kritiken sorgte. Als extrem heterogene Ansammlung von Einzelkünstlern präsentierte sich das einstmals stimmige Gefüge auf dem Sampler "Chronik III", der aus musikalischer Sicht wohl einen Tiefpunkt der Veröffentlichungs-Historie bildet. Alles andere als gut integriert wirkte hier auch Karate Andi, wie auch, wenn sein Image dem eines Nichtangepassten entspricht. Als aufstrebender RAM-Interpret, quasi direkt von der Battlebühne gezogen, lieferte der Berliner mit "Pilsator Platin" einen ersten Langspieler, der seine Qualitäten unterstrich, allerdings reichlich unausgegoren daherkam. Um am verbesserungswürdigen Sound des Vorgängers zu feilen, setzte man sich für "Turbo" mit Bazzazian und Farhot in Verbindung, die als Duo sämtliche Instrumentals des zweiten Streichs verantworten. Den hohen Erwartungen an die Haftbefehl-Produzenten konnten die starken Auskopplungen mehr als entsprechen und so stellt sich mir als drängendste Frage, ob es gelingt, das aufgezeigte Potenzial über die gesamte Spieldauer zu konservieren.


    Das gedimmte Licht ist im Interesse des Freiers/
    Gib mir zwei hässliche Weiber, ich mach' direkt einen Dreier/
    Sie versaut mir die Stimmung mit ihren scheiß Tränen beim Ficken/
    Was kann ich denn dafür, dass ihr scheiß Leben ein Witz ist?/

    (Karate Andi auf "Flatrate")


    Den Themenkosmos, welchen der Buletten-Bukowski umreißt, lässt sich in der Essenz auf Drogenmissbrauch sowie sexuelle und persönliche Verwahrlosung beschränken. Der Berliner zeichnet dabei mehr Rauschbilder als Neo, rekapituliert den Konsum diverser Pharmazeutika und zeigt sich ähnlich empathielos wie die Protagonisten in einem Roman von Bret Easton Ellis. Mit dieser Attitüde generiert der Unterschichtrapper eine Battlerap-Persona, die ihre Widersacher und deren weibliche Verwandtschaft auf asoziale und geschmackloseste Art und Weise diskreditiert. Würden solche Attribute in einem anderen Kontext einem Verriss entsprechen, speist der Rapper genau aus diesen Grenzübertritten seinen Unterhaltungswert und liefert ein Zitatfeuerwerk sondergleichen. Den absoluten Niveautiefpunkt (positiv!) erreicht er hier zweifellos mit "Flatrate", einer zweifelhaften, wie abstoßenden Hymne auf das Gewerbe der käuflichen Liebe (wobei "Liebe" hier die unpassendste Bezeichnung ist). An diesem Track lässt sich zudem die Schonungslosigkeit gegenüber der eigenen Person skizzieren, welche den Charme des Hauptstädters ausmacht; denn statt ein Milieu vom hohen Ross abzuurteilen, inszeniert er sich als Zentrum des Molochs – als Deutschraps Frank Gallagher.


    Auf dem Vorgänger "Pilsator Platin" schlug sich die textliche Ungehobeltheit auch in der musikalischen Ausarbeitung nieder; unterhaltsam-trashige Hooks von Pipe-Bruder Gustav sowie Synthie-Beats von 7inch, die eine gewisse Rummelplatzatmosphäre verbreiteten, taten ihr Übriges. Ein dementsprechend großer Schritt und zweifellos ein gewaltiges Upgrade stellt deshalb die Zusammenarbeit mit dem neuen Produzenten-Duo dar, deren ausgereifte Beats für ein neues Level sorgen. Während eine solche Entwicklung bisweilen den unschönen Nebeneffekt mit sich bringt, dass die eigenen Wurzeln unterschlagen werden, gelingt es hier der bisherigen Identität des Künstlers zu entsprechen, ohne dass Bazzazian und Farhot es verpassen, ihre eigene Gravur einzuritzen. Viele Tempowechsel, die der Berliner geübt meistert, sorgen im Opener-Duo ebenso wie zahlreiche Scratches und die Abkehr von dem standardmäßigen 16-Bars-Hook-Schema für eine angenehme Dynamik."Wow, du hast Realtalk und Songkonzept", bemerkt der Neuköllner sarkastisch und stellt damit eine indirekte Selbstdiagnose: Denn während Andi auf grandiosen Titeln wie "Gebrochener Knieboogie" oder "Schwarzer Krauser" wahllos um sich schießt, die Parts scheinbar apathisch ins Mic rotzt und damit einen fast beispiellosen Unterhaltungswert erreicht, fallen die Motto-Tracks doch etwas ab. Hier ist neben dem Automatensucht-Symposium besonders die eigentlich heißerwartete Zusammenarbeit mit Nico (K.I.Z.) herauszustellen, deren "Kleid deiner Mutter" zu einem "Böhses Mädchen"-Revival mutiert und zu einer etwas unergiebigen Nummernrevue des bekannten Stoffes gerät. Über die angemessene Spieldauer von 42 Minuten zeichnet sich die Platte jedoch durch eine enorme Kurzweiligkeit aus, die durch Stilexperimente, wie das trappig angehauchte "Komm im Bimma", forciert wird.


    Karate Andi der King aus dem Szenekiez/
    Zwischen Ketaminrausch und linker Systemkritik/
    Ich führe ein Leben zwischen Fastfood und Szenedrogen/
    Und laufe sonntags durch den Darkroom in Lederhosen/

    (Karate Andi auf "Eckkneipenhustler")


    Fazit:
    Auch wenn der aufgequollene Beziehungsphobiker optisch zurzeit an eine Wasserleiche erinnert, war sein Sound nie satter und atmosphärischer. Bazzazian und Farhot beweisen, dass die Produktion einen Künstler nochmal auf ein komplett anderes Tableau heben kann und verpassen Andi ein Klangkorsett, stimmiger als Adidas-Trainingsjacke und Schnauzbart. Auch textlich lässt sich eine klare Steigerung beobachten, die geballte Geschmacklosigkeit, welche der Eckkneipenhustler hier kultiviert, birgt nicht nur einen enormen Unterhaltungswert, sondern wirkt auch auf schockierende Weise authentisch. Das Kiezkneipenrodeo, das den drogengeschädigten Protagonisten in Hinterhöfe hinabwarf, vermengt sich in der Andi'schen Prosa mit White-Trash-Schilderung aus dem Hillbilly-Hinterland. Mit einem Filter ohne Graustufen wird hier die bloße Hässlichkeit zur Schau gestellt und der Rapper entpuppt sich gewissermaßen als eine Art Casper "aus dem bösen Zeitstrang". Dass "Turbo" sich allerdings nicht nur als reine Orgie der Niveaulosigkeit abtun lässt, ist auf die Qualitäten Karate Andis zurückzuführen, der neben exquisiter Reimkunst diverse Kulturverweise bietet und etliche zitierwürdige Passagen abliefert. Zwar zündet nicht jeder Titel, doch in der Endabrechnung gelingt dem Berliner exakt das Album, welches sich seine Hörerschaft erhofft haben dürfte, das nicht nur für kurzfristige Lacher sorgt, sondern durch eine abwechslungsreiche Instrumentierung eine lange Halbwertzeit verspricht.


    Du bringst es im Leben nur zum Nike-Schuhverkäufer/
    Ich gestehe meine Sünden und der Beichtstuhl fängt Feuer/

    (Karate Andi auf "Schwarzer Krauser")



    Lennart Gerhardt


    [redbew]2060[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2060[/reframe]


    01. Intro
    02. Reingeschäftlich
    03. Serviervorschlag
    04. Der Kampf mit der Angst
    05. Rezepte
    06. Lebemann
    07. Zauberbohne
    08. Sezession!
    09. Die Bedrohung
    10. Moderner Schmutz
    11. Geldsucht
    12. Aufhänger
    13. Doin' here
    14. Laktosefrei
    15. Outro


    Wo kommt das denn her? Völlig unbemerkt von der Außenwelt steht plötzlich die vierte Langspiel-Kooperation von Retrogott und Hulk Hodn in der Pipeline, ausschließlich feilgeboten bei den Konzertstopps der "Sezession!"-Tour. Die dreijährige Wartezeit der Oldschool-Jünger überbrückten die Tausendsassa mit Projekten außerhalb der Wohlfühl-Oase; den für den Rapper typischen Flavour hat er auch nicht bei der Zusammenarbeit mit Hubert Daviz, durch welche die "Kokain Airlines"-EP zustande kam, sogar eine LP, "Auf ein Neues" veröffentlichte man als Terzett mit Hazenberg. Wenn sich also ein Fatoni als "Deutschraps Benjamin Button" betitelt, ist der Retrogott gewissermaßen "Deutschraps Dorian Gray". Kaum ein deutscher Rapper schafft es, seinen künstlerischen Weg derart stringent zu beschreiten wie der Kölner und samt ewig juvenilen Äußeren die gewohnte Fassade zu wahren. Doch nutzt sich die Konstellation mit seinem Produzenten-Kollegen Hulk Hodn allmählich ab und Tristesse des Alltäglichen hält Einzug oder bleibt das Gespann die Vertonung eines zeitlosen Klassikers?


    Deutscher Rap ist gleichzeitig dumm und verkopft/
    Die Musikindustrie hat ihr Unkraut umgetopft/
    Ich breche deinem A&R den grünen Daumen/
    Er sollte kein Schwimmbad in der Wüste bauen/

    (Retrogott auf "Rezepte")


    Während der Boxen-Wahnsinn in nie dagewesenem Irrsinn tobt und Rapper ihre Körperflüssigkeiten als Album-Goodies bereithalten, zeigen sich die entbs-Künstler als gallisches Dorf und bringen ihr Album nur bei Live-Gigs unter die Leute. Diese Sezession von der Deutschrap-Welt und das Berufen auf die eigene Identität ist logischerweise auch auf der Platte zu spüren. Die kompromisslosen Battle-Elemente wurden zwar gewiss schon seit "Der Stoff aus dem Regenschirme sind" beschnitten, doch auch im Jahre 2016 kann sich der gemeine Wack MC nicht in Sicherheit wiegen, wenn der Kölner das Mic in die Hand nimmt. Neben dem allgemeinen Ausverkauf bekommt auf "Reingeschäftlich" besonders die "Neo-BoomBap-Generation" ihr Fett weg, die dem Platzhirsch hier nicht das Wasser reichen kann. Dem "Dissen aus Prinzip" ("Und rappe in der Zukunft immer noch darüber, dass alle noch wacker sind als früher" ("Reingeschäftlich")) fehlt hier allerdings im Vergleich zu vorherigen Werken der Nachdruck, es erweckt den Eindruck, als hätte man es inzwischen mit dem gütigen Gott des Neuen Testaments und nicht mehr mit der rachsüchtigeren alttestamentarischen Version zu tun.


    Musikalisch zeigt das Produzenten-Duo gewohnte Qualitäten: Zur Akquise der Sample-Beats und von eingescratchen Track-Fragmenten wurden wieder die Plattenteller zum Glühen gebracht und ein warmer jazziger Sound erzeugt, der sich vom Vorgänger etwa durch das Aufsparen der "Quetschkommode" unterscheidet. Das klangliche Gesamtbild definiert sich hier vor allem durch Dinge, die es nicht gibt: Keine Synthie-Türme, keine Hooks sowie ein Verzicht auf Feature-Gäste und effekthascherische Reimketten. Es geht vor allem – und das ist jederzeit spürbar – um die klare Abgrenzung von einer Szene, die einen trocken-faden Kuchen immer nach dem gleichen "Rezept" backt. Der gleichnamige Track mit Lebensmittelmetaphern gehört auch zu den besten Albumtiteln, da durch die stimmige Allegorie ein Rahmen für die häufig zu ausschweifenden Gedanken Kurts gebildet wird. Wie gewohnt beschränkt sich der Künstler hier nicht nur auf einen Rap-Kontext, sondern bietet auch darüber hinaus gesellschaftspolitische Interpretationsmöglichkeiten. In dieser Mittelphase hat die LP ihren zweifelsohne stärksten Abschnitt, aus dem der mitreißende "Lebemannn" nochmal deutlich herausragt. Der Zeremonienmeister "droppt Knowledge": "Die größte Massenvernichtungswaffe ist die Masse selbst" und lässt sich sogar dazu hinreißen, einen Refrain oder zumindest ein repetitives Element einzufügen, das beim Gedankenschwall des Retrogotts hier durchaus gut aufgehoben ist. Nach dem ebenfalls guten Titeltrack schwellt die Formkurve der Nostalgiker, die gerne in der guten alten Zeit (als Leerzeichen noch nicht erfunden waren) schwelgen, durchaus. Zwar sind zweifellos grandiose Wortspiele und kluge Schlussfolgerungen zu finden, doch im Assoziationsdschungel verliert man bisweilen etwas den Durchblick. Bemerkenswert bleibt jedoch über die gewisse Spieldauer die musikalische Gestaltung, die auch als Instrumental-Scheibe keine schlechte Figur machen würde.


    Geld gibt mir die Kraft, die mich selbstsicherer macht/
    Und befreit mich von Last, die ich nur durch Geld hab'/

    (Retrogott auf "Lebemann")


    Fazit:
    "Sezession!" ist gewiss nicht das beste Release des Duos, das mich persönlich auch schon mit "Fresh und Umbenannt" nicht völlig überzeugen konnte. Ein einfacher und dennoch passender Weg für eine Review wäre wohl gewesen, eine Rezension des Vorwerkes mit den passenden Tracktiteln und Zitaten zu versehen. Denn ähnlich wie der vorherigen Platte krankt es für mich an der inhaltlichen Kohärenz der einzelnen Tracks. Gewiss kann man die assoziativen Passagen als eine Hauptqualität bezeichnen, doch auch ausformulierte Gedanken haben durchaus etwas Reizvolles. So bleibt es textlich letztendlich Stückwerk allerdings mit exzellenten Beobachtungen, Lines und Wortspielen versehen, die das Album in der Gesamtheit doch deutlich über die Rap-Standardkost stellen. Essenziell hierfür ist natürlich auch die Symbiose mit dem Beat; der größten Stärke des Duos. Denn anders als ein bei einem Zirkuspferd, das sich den ganzen Tag im Loop dreht, versucht man nicht die Produktion um jeden Preis zu domestizieren, sondern gewährt den jazzigen Klängen gewohnte Freiräume. Weder Lasso noch Lötkolben nutzt der Retrogott, um seinen Stempel aufzudrücken, er setzt sich mit dem Beat antiautoritär auseinander und verschmilzt deshalb mit ihm zur Einheit.


    Lennart Gerhardt


    [redbew]2050[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2050[/reframe]



    01. Deine Mutter
    02. Hass Frau
    03. So high
    04. Made 4 Love
    05. Fotzen im Club
    06. Ich bin schwarz
    07. Kein Geld
    08. Wir sind friedlich


    "Deine Mutter", die im vergangen Jahr erschienene EP-Kostprobe, schlug ein wie eine Bombe: "Die rappen über primäre Geschlechtsorgane und proklamieren Beischlaf mit meiner Erzeugerin", stellte der gemeine Deutschrap-Mob freudig-jauchzend fest, nur um Sekunden später in Schockstarre zu verfallen: "Das sind ja Frauen, dürfen die das? Fettes Dislike". Der Beobachter irrt nicht, zwischen den Schenkeln von Juju und Nura (vormals bei "The toten Crackhuren im Kofferraum") befindet sich tatsächlich je eine Vagina – essentiell, denn ohne diese Information kann man die Musik nicht bewerten. Das ist auch so ziemlich alles, was ich über die SXTN-Grazien weiß, als ich das Play-Symbol meines Soundcloud-Players anklicke: Weshalb ich danach einigermaßen begeistert war, wie Emanzipation im Jahre 2016 funktioniert und warum Track 2 nicht "Wir wollen das Emma-Cover" heißt, steht weiter unten.


    Du bist Fake und du wärst gerne Drake/
    Doch ich hab heut keine Rose für dich/
    Alle Hoes werden stoned von dem Shit/
    Diese Show, dieser Flow, diese Bitch!/

    (Juju auf "Deine Mutter")


    Zusammen mit der bereits bekannten Auskopplung bildet "Wir sind friedlich" einen Rahmen, der es in sich hat. Das Outro übertrifft den YouTube-Hit sogar noch in Sachen Rotzigkeit und auch die Trap-Elemente des Beats meistern beide MCs besser als noch den Einstieg, sodass einer der stärksten EP-Titel entsteht. Inhaltlich fahren die Rapperinnen hier zwar nichts auf, was man nicht auch von ihren Genre-Kollegen erwarten könnte, doch es ist besonders die transportierte Attitüde, die hier die Qualität ausmacht, und Lines wie "Während ich hustle, überlegst du, ob du zu schnell kommst" kastrieren, wo die männlichen Pendants maximal rasieren. Generell lässt sich beobachten, dass Juju gut rappt, für eine Frau versteht sich (Vergleichswerte: mittelmäßiger Mann, schlechter schwarzer Mann), Nura hängt ihrer Partnerin in Sachen Routine merkbar nach, kompensiert das allerdings bisweilen mit Einsatz und Energie. Ihren besten Part samt exzellentem Einstieg liefert sie bei "Hass Frau", dem mit Abstand ambivalentesten Track und meinem persönlichen Highlight. Im Intro verliest Alice Schwarzer den King-Orgasmus-Titel "Du nichts, ich Mann", beziehungsweise es handelt sich um eine Aufnahme aus der legendären "Menschen bei Maischberger"-Episode mit dem überfordert stotternden Manuel Romeike. Anschließend folgt ein Text, den Orgie zu seinen besten Zeiten kaum derber hätte formulieren können ("Ich steck hinten rein und wisch es an'ner Gardine ab") sowie eine deutlich ans Original angelehnte Hook – dafür braucht es echt ordentlich Eierstöcke. Mit gebührender Überzeichnung ("Diese eine Vergewaltigung kann ich verstehen, wenn die Olle wie 'ne Bitch rausgeht") macht man deutlich, dass es sich hierbei um Kunst handelt, bei welcher man eben nicht jedes Wort separat auf die Goldwaage legen sollte, um anschließend ahnungslos den Bannstab zu schwingen.


    Da sich ein Debüt, gerade in Form einer EP, zum Vorführen der Variabilität anbietet, zeigen SXTN auf "Asozialisierungsprogramm" mit der passablen Kifferhymne "So high" und dem Storyteller "Made 4 Love" aus Sicht einer Prostituierten weitere Facetten. Bei der Experimentierfreudigkeit läuft allerdings nicht alles hundertprozentig glatt: Den unrühmlichen Tiefpunkt bietet hier zweifellos Nuras Soloausflug "Ich bin schwarz", der für die dunkelhäutige Community als die Ermordung von Dr. King bewertet werden muss. Auf einem Neue-Deutsche-Welle-Instrumental gibt die Rapperin die geläufigsten Schwarzen-Klischees zum Besten und produziert damit ein absolut ungenießbares Stück Trash. Eine deutlich bemerkenswertere Gesangshook gelingt Juju in der Vorglüh-Hymne "Fotzen im Club", welche die Assoziation an eine zeitgemäßen Ghetto-Cyndi Lauper weckt. Großstadtdschungeltristesse und Alltagsprobleme werden auf "Kein Geld" aufgegriffen, neben dem wieder mal angenehmen Hörerlebnis bleibt hier allerdings recht wenig hängen.


    Du bist ehrenlos und hast keinen Stolz, Nutte/
    Während ich dich vollspucke, bläst du meinen Schwanz/
    Du gehörst in die Küche und ich in den Club/
    Du bleibst bei den Kinden, ich geh' ficken im Puff/

    (Nura auf "Hass Frau")


    Fazit:
    Vielseitigkeit ist bei SXTN Trumpf und auch, wenn nicht jedes Experiment hundertprozentig funktioniert, so entsteht doch ein kurzweiliges Werk, das deutlich mehr unterhält als ein Großteil des Deutschrap-Wulsts. Raptechnische Ungenauigkeiten, die man besonders bei Nura noch finden kann, werden von einer blitzsauberen, extrem variablen Produktion mehr als übertüncht und etwaige textlichen Schwächephasen haben sie im Subgenre nun wirklich nicht exklusiv. Was die Newcomerinnen dagegen auszeichnet, ist die zu jedem Zeitpunkt spürbare Energie und der ansteckende Spaß an ihrer Musik. Zudem wirkt die zur Schau gestellte Attitüde jederzeit authentisch – die Rapperinnen inszenieren sich nicht mit falscher Eitelkeit als unnahbare Ghetto-Rosen, sondern sind selbst Teil der Dornenranken, an denen man sich auch gerne Mal die Hände aufreißen kann. Dieses explizite Auftreten wird sicherlich auf gespaltene Meinungen stoßen, doch es gibt wohl wahrlich Schlechteres für einen Künstler als zu polarisieren. SXTN sind eine ersehnte Frischzellenkur in einer kalten, patriarchalischen Welt. Lange Rede, kurzer Sinn: Vier Mics, eins für jede Titte.



    Lennart Gerhardt


    [redbew]2047[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2047[/reframe]

    Die ausstaffierte Promophase entwickelt sich seit geraumer Zeit zu einem der hartnäckigsten und widerwärtigsten Geschwüre in der Deutschraplandschaft. Dabei sollte die Prä-Veröffentlichungszeit doch die Vorfreude auf das kommende Album schüren und durch den dosierten Einsatz von musikalischen Appetithäppchen einen Querschnitt des zu Erwartenden liefern. Auch das ein oder andere Interview und einfallsreiche Blog-Elemente haben sicherlich einen Reiz und zweifelsohne eine Berechtigung in einer Zeit, in der zum künstlerischen Gesamtpaket deutlich mehr gehört, als die 14 neuen Anspielstationen in der Spotify-Playlist. Doch in einem wachsenden Kosmos erhöht sich die Gefahr, aus dem unmittelbaren Sichtfeld zu verschwinden und so werden die Schreie der Marktschreier immer schriller, die Promoboxen immer bunter und Interviews gleichen Ben Hur nicht nur an Länge, sondern auch in der inszenierten Dramatik.


    Gut, dass es Eko Fresh gibt. Ausgestattet mit seinem Praktikumszeugnis aus der Zeit bei einem ZDF-Spartensender macht sich der geschäftstüchtige Deutsch-Türke auf die Mission, der Szene den Spiegel vorzuhalten. Da es sich bei "Freezy" um ein absolutes Großprojekt handelt, verzichtete Eko entgegen seiner Gewohnheiten im vergangenen Jahr auf die Veröffentlichung eines Langspielers. Dafür präsentierte er die EP "Bars über Nacht", durch die er zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Zum einen leitete er den Werbe-Marathon ein, zum anderen stellte er unter Beweis, dass kaum jemand amerikanische Trends derart schnell adaptieren kann. Doch dem Promo-Coup sollten weitere Schachzüge folgen: Völlig unerwartet veröffentlichte der Rapper ein weiteres 700 Bars-Video – irgendwie erinnert diese Fortsetzungsreihe an Hitler-Dokus auf N24. Man denkt: "Jetzt weiß ich aber wirklich alles über diesen Typen", und dann kommt er wieder mit einer neuen Geschichte um die Ecke. Direkt neben dem Nachrichtensender ist in der Programmübersicht ZDFneo zu finden, hier treibt Fresh gemeinsam mit Ferris MC in der kürzlich gestarteten Serie "Blockbustaz" sein Unwesen. Wie zufällig, passend zur Albumveröffentlichung. Ebenfalls zufällig, wenn einem genau zu diesem Zeitpunkt mal wieder einfällt, ein politisches Bewusstsein zu haben und von dem klarem Statement sowie der fundierten Kritik hängen bleibt, dass die AfD-Parteichefin mal ordentlich durchgebügelt werden sollte. Eine rassistische Partei mit Sexismus bekämpfen, wäre Eko ein Pokémon, hätte er sich vor Verwirrung selbst verletzt. Da eine Reaktion der Gegenseite allerdings nicht ausblieb, nahm der Polit-Rapper erneut auf dem Schemel Platz, um mit einem Liebessong an Frauke Petry den Promo-Euter ordentlich auszuwringen.


    Nach diesen komplett willkürlich kalkulierten Werbeaktionen, die mit dem angepriesenen Album "Freezy" wohl nur äußerst peripher zu tun haben sollten, müsste dem tumbsten Seelen aufgefallen sein, dass Eko ein absolutes Genie ist. Um die langsameren Geister vom Holzweg zu geleiten, karikierte er offensichtlicher als je zuvor eine klischeehafte Promophase, eingerapptes Vorstellen der Playlist und des Boxinhaltes inklusive. Man fragt sich, wie lange der Schauspieler sein Stück am Leben erhalten und steigern wird, um ein Finale furioso zu inszenieren; wird er einen Tag vor Chartschluss einen Livestream starten und verkünden, dass er im Abstand von zehn Minuten Katzenbabys tötet bis auch die letzte Box verkauft ist? Die Charade ist enttarnt, lediglich die Auflösung kann man hitzig diskutieren. Meine persönliche Vorhersage ist, dass sobald man die Freezy-Box öffnet, ein Clown in Eko-Fresh-Optik herausgeschnellt und sich das Behältnis nach kurzem Lachen in Staub verwandelt. In einer besseren Welt.

    Lennart Gerhardt



    Antagonist musste unsere Partie leider im Endspiel verlassen, ich denk mal wir machen ein Wiederholungsspiel bei nächster Gelegenheit. Oder, was sagst du?


    [Als er das Spiel verlassen hat, war ich laut Analyse-Computer dabei, ihn Matt zu setzen. Der Zug den ich nachher gemacht hab, hat die Matt-Situation aber tatsächlich wieder aufgelöst.]
    Entscheide du das am Besten [MENTION=352491]Antagonist[/MENTION], ich würd meine Niederlage auch einsehn, hättest ja höchstwahrscheinlich gewonnen letztendlich.


    Spiel sollte fairerweise an dich gehen.