Beiträge von baurau

    Zwei Frankfurter mit was drin


    Die beiden Frankfurter Chima und Namika haben vor einigen Wochen ihre gemeinsame Single "Wir können alles sein" veröffentlicht, eine flotte Midtempo-Nummer mit Calypso-angehauchtem Beat. Deutscher Pop, der nicht peinlich ist, das gibt es ja nicht allzu oft. Auch wenn die Nummer der Titelsong zum halbgar technologiekritischen Film "rate your date" ist, lässt sich der Track nicht nur als Techtelmechteluntermalung interpretieren, sondern enthält auch ein gehöriges Stück Fragen über Identität und vermeintliches Erkennen des Gegenübers.


    Wir haben uns mit den zwei Künstlern unterhalten, denn dieser Themenkomplex stellt sich für beide nicht zum ersten Mal; Namika ging auf ihrem letzten Album "Que Walou" (von eurem Lieblingsredakteur) ganz dezidiert Fragen nach Heimat und Herkunft nach und auch wenn Chimas Texte des Öfteren sprachlich hart am Kitsch vorbeischrammen, sind sie doch inhaltlich durchaus ernsthafte Nabelschauen und Reflektionen - so ist "Funktionieren" bis heute einer der weniger beschissenen "Die-Welt-dreht-sich-zu-schnell"-Songs. Beide stehen authentisch für den Versuch, Unterhaltung mit persönlichem Vorwärtskommen zu verbinden. Anders als etwa AnnenMayKantereit kaufe zumindest ich beiden ab, dass sie nicht Musik um des Erfolgs willens machen – das zeigen im Übrigen auch ihre durchaus nicht einfachen Karriereverläufe – sondern bemüht sind, sich selbst über dieses Medium auszudrücken und gleichzeitig dann aber eben auch Erfolg zu haben. In diesem Zusammenhang sehr sympathisch und nahbar ist Chimas Erleichterung, dass die Single gut ankommt, ebenso wie sein Wunsch, mit dem Album einfach in den fünfstelligen Bereich zu kommen, um weiter Musik machen zu können.
    Namika verteidigte übrigens den Film, und sie ging überraschend nicht auf dessen zweifelhafte Qualität ein - für sie war ganz offenkundig entscheidend, dass der Film eine (recht simple) Lehre zieht, indem die App, mit der man Dates bewerten kann, überraschend dann doch nicht zum großen Glück führt. Das ist eine entwaffnend ehrliche Argumentation, da Namika so offensichtlich die eigentliche Pointe des Films übersieht: Der Hamdanovic knallt die Schlampen reihenweise weg, obwohl er eigentlich ein ganz Lieber ist. Für diese ehrliche Blindheit muss man Namika einfach mögen. Auch Chima zeichnet diese fast naive Empathie aus: Im Gespräch nutzte er die selbstverständlich letztlich soziologisch sehr komplexe Schreckenstat in Christchurch, um für ein empathischeres Miteinander zu werben, für ein Füreinanderdasein. Und um es festzuhalten, diese Naivität ist nichts Negatives. Man denke an die berechnenden Empörungs-Schweinepriester Grönemeyer und Campino, die sich für jede Chose in die Bresche werfen, solang sie Publicity verspricht. Denn deshalb nehme ich Campino "Eine Handvoll Erde" nicht mehr ab und Chima "Stille" aber eben schon.


    Aber wie passt diese persönliche Beziehung zu den eigenen Texten zum kommerziellen Erfolg im Mainstream, den beide aktiv suchen? Diesem Spannungsverhältnis begegnen beide pragmatisch: Live geben beide an, ihre ruhigen Songs den Umständen anzupassen und mehr Druck und Instrumentierung in die Songs zu geben, um sie live-tauglicher zu gestalten. Das ist verständlich, aber auch schade, denn Künstler wie Perfume Genius, von Elton John ganz zu schweigen, zeigen statt Jahr und Tag, wie so etwas geht. Namika und Chima sind hier jedoch kein Ausnahmefall, diese Servilität gegenüber dem Festivalpublikum zieht sich durch die deutsche Poplandschaft; ärgerlich, denn ein ruhiger Song mit hinzugefügtem Wumms ist kein Pop, sondern Schlager. Das muss nichts Schlechtes sein, aber ein guter Schlagersong ist als solcher konzipiert und steht für sich selbst. Dabei gerät man natürlich als Künstler in die Zwickmühle, für wen man spielt, welches Publikum man sich züchtet. Leonard Cohen in der Waldbühne hat nun mal ein anderes Publikum als Namika, die als Konsequenz oder Ursache ihre Songs anpassen muss und mehr von eben diesem Publikum, das einen ruhigen Song nicht tolerieren könnte, anzieht.


    Ein weiteres Spannungsfeld ist die Arbeit mit Produzenten. Hier sind sich Pop und HipHop mit am nächsten, denn in beiden Genres ist es als Performer üblich, mit Produzenten zusammenzuarbeiten. Welche namhaften Rapper, Earl Sweatshirt ausgenommen, produzieren ihre Tracks schon tatsächlich selbst? Chima und Namika, die beide von David von den BeatGees produziert werden, beschreiben den Prozess als harmonisch und ein gemeinsames Arbeiten. Die Idee, dass die Songs dann letztlich so rauskommen müssten, ist aber natürlich Illusion, da die Idee nun mal teilweise in fremde Hände gegeben wird. Aber ist es nun besser, Beats einzukaufen und sie minimal an die eigenen Bedürfnisse anzupassen oder ist der kooperative Prozess der beiden nicht die ernsthaftere Herangehensweise? Bedeutet ein mehr an Produzentenanteil automatisch ein weniger an Künstleranteil?
    Chima hat angekündigt, dass sein neues Album zwar eine Abkehr von der Melancholie früherer Alben sein werde, aber gleichzeitig einen neuen inhaltlichen Fokus auf Identität legen wird - darauf freuen wir uns. Denn auch wenn die beiden musikalisch einen Weg eingeschlagen haben, der bislang nicht zu Großtaten führte, bleiben beide spannende deutschsprachige Künstler mit viel Potential.

    Mein Fehler, ich vergesse immer wieder dass Capi in diesem Jahr der wohl beste deutschsprachige Musiker war


    touché, brauchen wir nicht reden, finde den musikalisch größtenteils unzumutbar (immerhin kann er beats picken). aber er ist so gut, dass große teile der redaktion ihn zumindest für nicht beschissen halten (anders als zB cem) und dieses kriterium ihn in den augen der mehrheit nicht ausschloß.


    bei den von dir erwähnten könnte es u.a. daran liegen, dass sie ganz beschissene Musiker sind.


    [MENTION=1028517]-Nas[/MENTION]: wie in der Einleitung erwähnt, gibt es keine Konsequenz und keinen objektiven Maßstab. Häng dich an irgendwelche Fantasiereihungsmaßstäben auf oder lies diese Liste in einem Online-Rap-Magazin einfach so wie sie gemeint war: als good read und Reflektionsimpuls.


    1. King Tulip
    2. Bring Out Your Dead
    3. Nicotine Patches
    4. 10,000 Degrees
    5. 122 Days
    6. Phantom Menace
    7. Krewe du Vieux (Comedy & Tragedy)
    8. Wartime All the Time
    9. Coma
    10. Long Gone (Save Me From This Hell)
    11. Meet Mr. Nice Guy
    12. Carrollton
    13. Fuck the Industry
    14. I No Longer Fear the Razor Guarding My Heel (IV)


    "Kill Yourself" haben uns die $uicideboy$ mit ihrer mittlerweile zwanzigteiligen EP-Reihe über die letzten Jahre eingetrichtert und damit seit 2014 tatsächlich einen maßgeblichen Einfluss auf die Rap-Szene ausgeübt. Ihr enormer Output mit seiner Melange aus South Trap und Industrial, garniert mit etwas Punk und Screamo, hat seine Nische rasch gefunden, allerdings – und das halte ich für ein seltsames Zeichen unserer Zeit, ebenso wie bei Death Grips – in seiner konkreten Ausprägung keine klaren Nachahmer gefunden; zumindest keine, die kommerziell nennenswert erfolgreich wären. Der Stil der beiden Cousins und MCs hat sich im Laufe der Jahre kaum geändert, geriet trotz der hohen Zahl von Veröffentlichungen und dieser Kohärenz allerdings nie langweilig. Das ist natürlich der Vorteil an einem solchen Amalgam von Musik: Nicht nur kann man selbst die absolute künstlerische Hoheit über seine Spielart beanspruchen, solange nicht Hinz und Kunz nacheifern, sondern ein solcher Sound ist eben durch seine Natur als Mische relativ leicht offen und spannend zu halten – sofern das Songwriting stimmt und das war bislang immer der Fall. Beste Voraussetzungen also für das offizielle Debütalbum "I want do die in New Orleans" der S€lbstmordjungs. Das dachte sich auch Spotify, das mal eben unter anderem eine Riesenwerbung am NY Times Square springen ließ. Vielleicht das deutlichste Zeichen, dass null Verkäufe binnen 4 Jahren und 30 Releases heutzutage irrelevant sind.

    Never say no to whatever drug, I always enter the void/
    When it is time that I die, make sure I'm buried in FTP corduroy/
    $uicideboy$; most avoided, most ignored/
    I like their old stuff from before (I do)/
    Who am I, Freud?/
    I'm not who I thought I was anymore

    ($uicideboy$ auf "122 Days")


    Ihrem Trademark-Stil bleiben die Boy$ treu, das wird schon am Cover deutlich. Schnell wird aber auch klar, dass eine Hinwendung zu klassischeren Rapstrukturen und poppigen laid-back-Songs auf zum Beispiel "Nicotine Patches" durchaus stattfindet. Da die Backlist ihres Plattenlabels quasi nur aus ihnen besteht, ist das wohl weniger auf Druck der Labelbosse, die sie selbst sind, denn auf eine bewusste Entscheidung der Künstler zurückzuführen. Auch das in vorherigen Releases (und in den jünsten Releases besonders) überdominante Bass wurde zurückgefahren, zugute klassischerer Beats und Snares. Das ist legitim und kommerziell vielleicht sinnvoll, nimmt dem Sound allerdings auch an Wiedererkennbarkeit und Qualität. Der oftmals sehr zähe Bass war es erst, der schnelle Flowpassagen in Kontrast setzte. Die fast durchgehende mid-Tempo-Produktion von $crim, einem der beiden MCs, enthält dem Hörer diesen Kontrast leider größtenteils vor; bis auf "WAR TIME ALL THE TIME" wird die Handbremse deutlich angezogen. Dabei ist die Produktion keinesfalls missglückt, aber zu selten finden die beiden Möglichkeiten, ihre Stärken auszuspielen und mehr zu liefern als okayen, mittelschnellen Rap über okaye, mittelschnelle Produktion, denn nur dafür fehlt ihnen dann Technik oder Inhalt. Am deutlichsten wird das beim über sieben Minuten langen "I No Longer Fear the Razor Guarding My Heel (IV)", wo sich beide offenkundig wohl fühlen und das durch seine zahlreichen Brüche und sein Trompetensample sehr überzeugen kann; diese Weirdness lässt der Rest des Albums vermissen.
    Ein Aspekt, bei dem die neue Herangehensweise besser gelingt, ist der Gesang. Den setzten die Jungs bereits auf früheren Releases ein, durch die klarere Produktion und die gedrosselte Aggression beansprucht er nun aber einen dominanteren Platz im Gefüge und das klappt gut, obwohl der Gesang ebenfalls klarer wurde. Songs wie "Long Gone (Save Me From This Hell)" und vor allem "Meet Mr. NICE GUY" profitieren stark von den Gesangspassagen, die zumindest diesen beiden Songs auch eine Struktur geben, die für die $uicideboy$ so neu ist und eine deutliche Dosis R'n'B in den Sound gibt.


    Wirklich etwas zu erzählen haben die $uicideboy$ weiterhin nicht. Die Texte drehen sich um sich selbst in einem monotonem Wust aus negativen Gedanken und Depression, die dann ganz natürlich zu nicht erfüllendem Drogenmissbrauch (was einen gleich noch trauriger macht) und eben zumindest einem besungenen Suizid führen. Garniert mit ein paar Drohungen und Pistolensounds schreien einem die Facetats förmlich ins Gesicht. Sollte es eine Lyricwerkstatt geben, bezieht BONES die seinen aus derselben wie die Doppeldollardudes. Für eine solche Simplizität fehlt leider auch die Selbstironie. Bestes Beispiel ist die Eloge auf die Boy$ von eben genanntem BONES am Ende von "FUCK the industry" – cringe, denn ohne Selbstironie den eigenen Abgang inszenieren (und das nicht mal im letzten Song!) dürfen weiterhin nur HIM. Das ist aus gutem Grund musikalisches Völkergewohnheitsrecht, denn bei allen anderen, inklusive den Umbringbuben, wirkt es einfach nur präpubertär und lächerlich, was angesichts solch rein düsterer Themen natürlich Gift ist. Ebenfalls nur wenig Änderung gibt es aber beim immer wieder überraschenden und guten Umgang mit Sprache. Die Reime passen einfach oft, was angesichts des zumeist leeren und repetitiven Inhalts bemerkenswert ist. Die beiden schaffen es, Lyrics zu schreiben, die sowohl zu ihren Stakkato-Flow-Passagen als auch zum an sich oft gemächlichen Beat passen; eine nicht zu unterschätzende Leistung. Die Sprachbilder wiederum passen nach meinem Gefühl oft nicht mehr so gut wie zuvor. Manches wirkt zu gewollt, zu wenig subtil, wie die wiederholten Scarface-Anspielungen hier:


    Tony gripping on the Tommy, bitch/
    I bite the head off a bat like I'm Ozzy/
    You got a problem motherfucker? Come and try me/
    I'm nothing like what you punk boys wanna embody/
    Norf, Norf, East Side *59/
    Tony gripping Tommy/

    ($uicideboy$ auf "Carollton")


    Fazit:
    Ganz ehrlich, fühlt sich eher unbefriedigend an. Denn dass die Jungs etwas draufhaben, war doch schon vorher völlig klar. Tapes wie "Eternal Grey" zählten zu den besten Releases des Jahres und das tut "I want to die in New Orleans" leider nicht. Der Ansatz, den eigenen Sound ein Stück weit runterzufahren und massentauglicher zu machen, ist nicht per se verwerflich, dann muss aber gleichzeitig eine andere Möglichkeit, den Sound anzureichern, gefunden werden oder aber besonders viel Liebe in das Produkt gesteckt werden, und beides ist hier nicht oder zu wenig der Fall. So ist es "nur" ein gute Release von zwei okayen MCs mit eigenem Sound, der aber durchaus auch 2018 als Hommage an BONES entwickelt worden sein könnte. Ich wünsche den $uicideboy$ Erfolg und mir, dass sie wieder bessere Scheiben mit mehr Ecken produzieren.


    (Franz Xaver Mauerer)


    [redbew]2383[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2383[/reframe]


    1. Que Walou
    2. Alles was zählt
    3. Je ne parle pas français
    4. Ok
    feat. Lary
    5. Programm
    6. Liebe Liebe
    7. Dschungel im Kopf
    8. Parkbank
    9. DNA
    10. Ahmed (1960-2002)
    11. Hände
    feat. Farid Bang
    12. Comic
    13. Roboterliebe
    14. Kronleuchterlicht
    15. Ich will dich vermissen
    16. Zirkus


    Der Erstling von Namika war sehr gewöhnungsbedürftig, eben weil er so einfach zu konsumieren war – Kinderpublikumspreise von Kika, Ali As und Römer als Featuregäste, dazu kamen noch die belanglosen Fließbandarbeiten der BeatGees. Man wurde bislang das Gefühl nicht los, dass Namika sich arg anstrengte, die hübsche Immigrationsvariante des späten Clueso (weinerlich, angeblicher HipHop-Bezug) zu werden und Menschen, die Soul Kitchen für ein authentisches Bild deutscher Immigrantenszenen halten, mit Lines wie "selbst der Stau auf der A2/ ist mit dir blitzschnell vorbei" ("Lieblingsmensch") zu beglücken. Schlüsselfrage dieser Review wird zweifellos sein, ob Namika es schafft, oder auch nur versucht, ihren bislang beliebigen Sound eine eigene Note zu verpassen – sei es in Richtung Rap oder Weltmusik oder etwas ganz Anderes. "Que Walou" ist übrigens Tamazight, hinlänglich bekannt durch diverse malische Rockgruppen unter den Fittichen von Damon Albarn & Co. und steht, mit etwas Lateinkenntnissen ahnt man es, für frei übersetzt "Wie, nichts?" – und nein, laut.de, es ist nicht "marokkanisch". Widmen wir uns also der Frage, ob Namika zu einer erwachseneren und selbständigeren Künstlerin mit Ethnoeinschlag (vielleicht sogar mit klugen Gedanken zu Heimat!) geworden ist; ein Feature des im Massenmarkt durchaus umstrittenen Farid Bangs könnte ja durchaus dafür sprechen, denn seine Fans werden ihre Platte vermutlich nicht kaufen, wohingegen er einige ihrer potentiellen Fans abschrecken könnte. Angenehm auch, wie bei ihrem letzten Erfolg, das recht zurückhaltende Auftreten der Sängerin.


    Die Armbanduhr hat jeden Schritt gezählt/
    Sagt, ich soll schneller gehen, sonst wird's zu spät/
    Und erinnert mich dran, einen Schluck Wasser zu nehmen/
    Hab' sieben Mal nach dem Wort "Sinn" gesucht/
    Und Amazon empfiehlt mir dieses Buch/
    Doch wo liegt der Sinn, wenn wir zwei uns nicht sehen?

    (Namika auf "Alles was zählt")


    Ein schnell ersichtliches Problem der Scheibe wird mit oben angeführtem Zitat deutlich: Die Texte sind stilistisch unbeholfen, unabhängig vom Inhalt. Man gewinnt den Eindruck, Namika schreibt ihre Texte, schlägt sich anschließend auf den Kopf, "korrigiert" sie, betrinkt sich, "korrigiert" sie erneut und macht so weiter bis kurz vor der Auto-Lobotomie, und hier habe ich die unzähligen Passagen mit la-la-la und anderen Füllsilben noch unterschlagen. Das Ergebnis hört sich an wie die Zuschriften von BILD-Lesereportern. Beispiel gefällig?

    Und auch wenn die Termin-Termiten meine freien Tage befallen/
    Weiß ich, trotz allem Affengeschrei, dass meine Geduldsliane nicht reißt

    (Namika auf "Dschungel im Kopf")


    Zu oft muss man sich Phrasen wie "jeder Weg ist es wert, ihn zu gehen" ("Que Walou") antun. Namikas Wortschatz und Sprachempfinden ist allem Anschein nach stark von Sprüchen auf Erbauungs-Deko-Artikeln geprägt. Von ihrem Floskeldeutsch abgesehen, verpasst die Künstlerin in ihren Texten Chancen, auf Albumlänge Tiefe zu schaffen: Der Song "Ahmed (1960-2002)" ist für sich genommen eine angenehme Reflexion über ihren Vater und ihr Verhältnis zu ihm, in dem die Lyrics nicht mehr nur simpel wirken, sondern zumindest auch Authentizität durch ihre Unmittelbarkeit schaffen. Aber dieses persönliche Lied, auf einem persönlich betitelten Album, wirkt schal, wenn es neben "Zirkus" oder "Ok" steht, völligen Luftnummern, denen jegliche Traktion abgeht, sinnlose Popkonsumsongs. Warum sagt sie beispielsweise nichts zur schwierigen Situation der Berber in Marokko? Sie erwähnt sogar den "Verteidigungs"-Wall zur Westsahara, aber kriegt die Abstraktion weg von ihrer eigenen familiären Situation einfach nicht gebacken und kann dadurch auch diese nicht wirklich einordnen. Die Gefahr, wenn man einen interessanten Themenkomplex wie Marokko anteasert, ist, ihn nicht bedienen zu können und so erst inhaltliches Potential so richtig zu verschenken. Ebenfalls befremdlich ist Namikas Frauenbild, denn in "Je ne parle pas francais" will sie mal so richtig erobert werden, in "Alles was zählt" ist sie als Tussi halt nicht so gut mit Zahlen und als "Programm" müsste einfach mal jemand die richtigen Knöpfe bei ihr drücken. An sich ist mir ihr Frauenbild natürlich völlig egal und alles hier ist hundertmal unkritischer als der typische Omik-K-Verschnitt aus Bochum, allerdings setzt sie eben auch einen anderen Rahmen und will hier als selbstbewusste, moderne und reflektierte Frau auftreten, versagt dabei aber völlig.


    Gottlob ist Namika aber ein besserer MC als Songwriterin. Klar ist das hier nicht wirklich klassischer Rap und man hat es so oder ähnlich schon hundertmal gehört, insbesondere aus dem amerikanischen Raum. Umso beachtlicher ist es aber, das fade und ausgelutschte Konzept Pop-Sprechgesang so bedienen zu können, dass sich nicht sofortiger Ekel einstellt, insbesondere, da Text und, das kommt unten noch, Produktion größtenteils Totalausfälle sind. Die MCette verfügt offenbar über ein stabiles Rhythmus- und Stilempfinden, das ihr einen schönen Flow erlaubt, den sie zwischen gesungenen Passagen auch organisch wiederaufnehmen kann, wobei sogar die Übergange mit geschickten Tempiwechsel gut klingen. Uneingeschränkt positiv ist aber auch dieser Aspekt leider nicht, da Namika in einige typische Fallen tritt, zuvorderst, absolut jeden Gesangspart bis zur Unendlichkeit auszudehnen und immer noch einen Haken und ein Uhh-uhh unterzubringen. Das ist typisch für deutschen Pop, ist aber halt trotzdem scheiße und wurde von Lauryn Hill in den 90ern und anschließend Christina Milian vor Unzeiten besser gelöst. Umso bedauerlicher, da sie diesen "Kniff" gar nicht nötig hätte, sondern auch schematisch strukturierten Songs mit ihrer warmen, lebendigen Stimme und authentischem Rap Emotionen einzuflößen, ohne arabeskes Uhh-Uhh.


    Die zumeist fürchterlichen BeatGees haben ihr handwerklich sauberes, seelenloses Werk auf "Que Walou" fortgesetzt. Wie oftmals bei den Berliner Produzenten hat man auch in diesem Fall den Eindruck, dass es eine deutlich bessere Demo gibt, von der dann nicht das Fett getrennt wurde, sondern das gute Fleisch, um es der dummen Masse in die Schlünde zu schmeißen. Was übrig bleibt, ist eine austauschbare Karikatur eines Beats. Die Plattenfirma sagt dazu: "Soul, arabische Harmonien, Hip-Hop, Songwriterkunst, Pop: alles fließt auf diesem Album zusammen". Wer auch nur zwei Minuten im Maghreb verbracht hat, dafür muss man gar nicht arg regionalspezifisch in Namikas Herkunftsort Nador, wird wissen: Sehr richtig, auch dort hören viele Menschen austauschbaren Kommerzpop. Was aber frech oder zumindest mutig anmutet, ist der Anspruch, hier verschiedene Stile zusammenzuführen, was nicht im Geringsten funktioniert. Denn anders als Omar Suleyman ist der "orientalische" Einschlag hier immer nur Beigabe, eine Schleife am Produkt. Gut sichtbar wird dieses Konzept am Negativbeispiel "Alles was zählt", dessen orientalische Einflüsse sich in einem nervigen, eine Art Flöte nachäffenden Synthie selbst erübrigen. So leider der Regelfall in diesem Werk, jedoch nicht ohne etwas Licht, nämlich dem "Kronleuchterlicht". Interessanter Text, spannender Beat und weicht sogar vom Schema F ab, allein schon wegen seiner Kürze und vermeidet so das übliche Strophenrefrain-La-la-Gewichse. Ebenfalls positiv: Einer der weniger nervigen Parts von Bangs Karriere auf "Hände", bei dem er es aber leider nicht schafft, nicht betont ironisch aufzutreten – Weiberschmarren, geht um Liebe.


    Fazit:
    Alles für nichts? Nein, eine gut vermarktbare Sängerin, die gern etwas schneller singt mit Hang zum Sprechgesang, mit aalglatten, handwerklich sauberen Popsongs. Was hier wirklich nicht ist: Authentizität, Wiedererkennbarkeit und vor allem künstlerische Reflexion, die ganz wenigen originellen Stellen dieses Albums reißen es einfach nicht raus. Man nimmt Namika irgendwie tatsächlich ab, dass sie ihr Produkt nicht absichtlich auf einen Markt hinbiegt; noch viel trauriger ist, dass ich eher denke, dass hier nichts verunglückt ist, sondern diese 2 Zentimeter geistige Tiefe tatsächlich die sind, die Namika aufwenden kann, um tiefgreifenden Fragen wie ihrer eigenen Identität nachzugehen und sie denkt, dass die Produktion auch im Funkhaus Europa laufen könnte. Aber warum sollte man dieser begrenzten Musikhandwerkerin dann weiter zuhören?


    (Franz Xaver Mauerer)


    [redbew]2373[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2373[/reframe]

    Es sollte doch eher um das Album gehen und nicht darum irgendwas zu diagnostizieren. So klingt aber die Review für mich und das ist alles andere als professionell.
    Natürlich darf und soll es um die Person gehen aber im Fokus steht doch eigentlich die Musik.. oder?


    klar, aber das tut es meiner meinung nach, es geht viel um den text dieses albums, der ein wichtiger bestandteil der musik ist. mit dieser gewichtung folge ich, so mein eindruck, auch absz' eigener gewichtung.


    1. Stadt des Nichts
    2. Eiserne Fronten
    3. Buch der Scheidewege
    4. Lederner Gürtel
    5. Jedi Tricks
    6. Skit
    7. Herzenswunsch
    8. Insidejob
    9. Free Willy
    10. Uppercuts
    11. Kreuz
    12. Immer wieder
    13. König des Kummers
    14. Keine Diskussionen
    15. Outro



    Wie ist es wohl, in einer Welt aus Paranoia zu leben? Nicht dein üblicher 0815-Neet-Misantrophismus, sondern ein richtig nach außen gekehrtes Empfinden, dass die Welt dir und nur dir allein Böses will und Unrecht tut. Stelle ich mir überwältigend vor, so dass es einen stets beschäftigt – und damit andere Aufgaben recht schwierig macht. Durch die eine einzige Brille ist nun mal die Paranoia immer Priorität. Nehmen wir an, eine solche Person, getrieben von seinem Verfolgungswahn, würde Musiker. Wäre Musik für jemand so Besessenen nicht immer nur ein Vehikel, seinen Wahn nach außen zu kehren? Gäbe es nicht sogar Sinn für so jemanden, die Musik zu suchen, da sie ihm Plattform bietet? Denn als Standesbeamter oder Landschaftsgärtner lässt sich das drängende Sendungsbewusstsein mit Sicherheit nicht so einfach ausleben. Demzufolge müsste es einige solcher Typen geben, natürlich in verschiedenen Intensitätsgraden ihrer Paranoia. Und, damit wir von ihnen hören, damit sie ein Minimum an Erfolg haben, braucht dieser Menschenschlag aber natürlich irgendetwas Besonderes, irgendeine Hook, die dazu führt, dass das Publikum nicht nur abgestoßen ist von der Message. Bei Eminem mag es Dre sein, bei Prodigy die Street Cred und seine Technik und Absztrakkt versucht mit "Mama sagt Knock Ihn Aus" nachzuweisen, dass er auch dieses Etwas hat.


    Wer denkt, dass dieser Albumtitel das plumpeste Buddhistenwortspiel noch vor "Warum geht der Dalai langsam den Berg hoch? Er ist halt ein Lama" sein muss, der sei an den früheren Albumtitel "Bodhiguard" erinnert. Jedenfalls knüpft unser MC mit dem Alias Bodhi Balboa an diese glorreiche Tradition an, ein echter Grund für die Umbenennung erschließt sich nicht, da das Album rasch erkennbar auf für ihn üblichen Pfaden tritt. Womit wir wieder bei der für ihn typischen Suppe aus Verfolgungswahn und Verschwörungstheorien wären, die dieses Release sehr stark prägen. Diese Paranoia ist Absz völlig gegönnt und aus künstlerischer Sicht zunächst keineswegs verwerflich. Was hingegen ein echtes Problem ist, ist die Wirrheit des Ganzen, die erratisch und letztlich irgendwie lieblos wirkt. Obsession zeichnet sich ja durch eine extreme Beschäftigung mit einem Sujet aus, die natürlich sehr zu begrüßen ist. Aber diese Auseinandersetzung mit den ihm offenkundig so enorm wichtigen Themen, zuvorderst ein Mann im aktuellen Deutschland zu sein, als Teil einer Gesellschaft und eines Marktes, findet nirgendwo statt, sondern kratzt maximal die Oberfläche. Wenn der MC Dinger raushaut wie


    Ja in Deutschland darf man alles sein/
    außer ein Deutscher

    (Absztrakkt auf "Eiserne Fronten")


    reflektiert das durchaus eine aktuelle Debatte, aber diese Line hängt völlig in der Luft. Davor kommt ein abstrakter Rant mit Selbstlobhuldigung, danach der Refrain, aber diese Line, mit dieser plakativen Aussage, wird einfach auf der Wäscheleine vorm Asylantenheim hängengelassen und fügt sich so ein in diverse Warnungen vor irgendeiner abstrakten Gefahr von außen/Ausland, die aber nie erläutert wird, und zigfachen Kurzrants gegen Verweiblichung, die arg an Pirincci erinnern und wie beim Vorbild nie über seichte Homophobie hinausreichen. Diesen Mangel an intellektueller Dichte spiegelt auch Bodhis bisherige Behandlung des Buddhismus wieder. Ich bin kein Religionswissenschaftler, aber auch eine rudimentäre Beschäftigung mit dem Buddhismus macht einem eindringlich klar, dass sich Absztrakkts Phrasen mit keiner der zahlreichen historischen Spielarten des Buddhismus vereinbaren lassen – was kein Problem wäre, wenn Absz seine eigene Spielart ausreichend unterfüttern würde. Tatsächlich aber bezieht er seinen Reiz aus der Auseinandersetzung mit dem Buddhismus augenscheinlich nur daraus, trotz Anhängerschaft einer als friedfertig geltenden Religion offen mit Gewalt drohen zu können. Wie auch auf den Vorgängern wehrt er sich auf dieser Scheibe präemptiv gegen Kritik an seiner Nutzung der Religion, ohne jedoch jemals zu erklären, warum die Kritik denn eigentlich ungerechtfertigt ist.


    Deine Meinung echt kann kein Gewicht für mich haben/
    Du bist nicht in der Lage, so wie ich zu erfahren/
    Doch ich hoffe, du bist dir im Klaren/
    Ich such nur die Fehler in mir/
    Dass alle Buddha Statuen der Erde/
    Vor Rührung 'ne Träne verlieren

    (Absztrakkt auf "Lederner Gürtel")


    Blendet man die politisch wirren Passagen aus und quält sich durch die dicke Melange aus Selbstmitleid, kann Absztrakkt durchaus mit interessanten Sprachbildern aufwarten, und zwar mehr als auf bisherigen Releases. So empfiehlt der MC auf "Stadt des Nichts": "Doch halt dein Maul/ Du weißt genau wie die Nudeln stopfen aus Kärnten", aber eben dieses Durchkämpfen durch die offen xenophoben und sexistischen Schichten wird zusammen mit der schon immer vorhandenen Scheinspiritualität fast unmöglich. Es ist keineswegs Satire, die Absztrakkts Sexismus von beispielsweise Bushido unterscheidet; betrachtet man Sonnys hochgradig sexistischen Klassiker "Pussy", ist seine Motivation klar, er wurde verletzt und keilt aus. Lines auf "Buch der Scheidewege" ("Deine unterdrückte Weiblichkeit verletzt meine Gefühle") oder "König des Kummers" ("Du kriegst in die Fresse, die Olive und die Orange") wirken dagegen instinktiv abstoßend, denn der Österreicher wirkt gleichzeitig vollkommen authentisch und unmotiviert. Hier lebt einfach jemand seine wirren und gleichzeitig völlig belanglosen Machtphantasien aus. Bevor ihr auf den hatenden Rezensenten schimpft, lassen wir den MC selbst sprechen. Wie es im fürchterlichen Pressetext auf hvv.de ohne Rücksicht auf das Bilderberg-Kontrollinstrument Satzzeichen heißt:


    "Es erzählt die Geschichte eines durch Verrat und Verleumdung gefallenen missverstandenen Musikers der sich aus Sehnsucht nach Liebe dem Kampf gegen sich selbst stellt. Ein Werk auf welchem sehr viel Verletzheit [sic!] und Schmerz herauszuhören ist. Ob er es schafft wieder zur Herzöffnung zurückzufinden steht in den Sternen. Eingefleischte Absztrakkt Hörer [sic!] brauchen sich aber trotz der scheinbar dominierenden Aggressivität keine Sorgen machen, Spiritualität und Wahrheitssuche kommen nicht zu kurz."


    Nuff' said, oder? Fühlt sich jedenfalls eher wie Anus- als Herzöffnung an.


    Über den Inhalt wurde schon viel geschrieben und das ist auch gerechtfertigt, denn man merkt, dass der MC dort selbst seinen Schwerpunkt sieht, alles wirkt darauf ausgerichtet. Die Beats von Roey Marquis II. stören konsequenterweise nicht, sondern untermalen den Vortrag eher, ohne große Experimente oder Brüche, mit sehr zurückgenommenen und klassischen Instrumentalen – würde so auch zu einem durchschnittlichen Jedi-Mind-Tricks-Song passen. Da das handwerklich zumeist sauber geschieht und Absztrakkt wie gewohnt über eine klare und prägnante Delivery verfügt, geht das völlig in Ordnung. Richtig daneben geht es immer dann, wenn Roey eine Extraportion Pathos liefert, was über kitischige Geigen ("Free Willy" und "Buch der Scheidewege") geschieht, denn zusammen mit den selbstmitleidigen Texten klebt der ganze Song dann wie ein Wincent-Weiss-Cover (GNTM!) von diesem anderen Schirmmützenspasti. Die Platte lässt für sich genommen trotz Absztrakkts Stärken als MC Abwechslung und, aufgrund der sehr homogenen Themen der einzelnen Songs, Wiedererkennbarkeit vermissen. Eingeordnet im Gesamtwerk fehlt auch schlicht die Evolution – Absztrakkt war auf "Chambermukke" nicht nur kein anderer, sondern schlussendlich derselbe Rapper, der er heute ist. Das kann man Verlässlichkeit nennen, auf seinem nur durchschnittlichen Niveau ist es für mich Stillstand. Dass sich manches prononcierter als früher anhört, ist einerseits der besseren Produktion geschuldet, hat vermutlich auch mit Erfahrung zu tun – dieser minimale technische Fortschritt ersetzt aber keine Evolution als Künstler.
    Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das hier das hässlichste Cover aller Zeiten ist. Kein Kind würde das so machen, kein Tier. Wie der Entstehungsprozess gewesen sein soll, bleibt mir schleierhaft. In einem Frühjahr, in dem "Francis Trouble" von Albert Hammond Jr (gleichwohl gutes Album) erscheint, ein noch hässlicheres Cover vorzulegen, das ist schon eine Leistung.


    Fazit:
    So komplex unser cisleithanischer Rapper gerne wäre, so klar muss das Verdikt ausfallen: Ein durch den Textmorast unterdurchschnittliches Rapalbum eines technisch leicht überdurchschnittlichen Rappers in einer Reihe durchschnittlicher Rapalben desselben Rappers, die sich textlich und musikalisch im Laufe der Zeit nicht weiterentwickelt haben. Daran ändert auch der Zusatz des Alias nichts, dadurch wird das Werk auch nicht theologisch fundierter aus buddhistischer Sicht oder interessanter für den Konsumenten. Ich bezweifle stark, ob die Person Absztrakkt über genug Selbstreflektion verfügt, um die Selbstverleugnung besonders authentisch zu sein und dabei doch nur seine eigene Suppe immer ziehen zu lassen, zu durchbrechen. Schade drum, einen Katzenroman von ihm würde ich aber lesen, das schaffte Akif ja auch noch trotz plem-plem.


    Franz Xaver Mauerer


    [redbew]2357[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2357[/reframe]


    1. Fly Away
    2. Everyday We Sick
    3. Boyz 2 Menace
    feat. Gudda Gudda
    4. Eureka feat. HoodyBaby
    5. 5 Star feat. Nicki Minaj
    6. Bank Account
    7. XO Tour Life
    feat. Baby E
    8. Let 'Em All In feat. Cory Gunz & Euro
    9. Young
    10. New Freezer
    feat. Gudda Gudda
    11. What's Next feat. Zoey Dollaz
    12. Blackin' Out feat. Euro
    13. Suwu
    14. My Dawg
    feat. HoodyBaby
    15. Yeezy Sneakers




    01. For Nothing
    02. Go Brazy
    feat. Jay Jones
    03. Weezy N Madonna feat. Stephanie
    04. Big Bad Wolf
    05. Sick
    06. Family Feud
    feat. Drake
    07. Abracadabra feat. Jay Jones & Euro
    08. Back From The 80s
    09. Gumbo
    feat. Gudda Gudda
    10. Drowning feat. Vice Versa & Marley G
    11. Back To Sleep
    12. Thought It Was A Drought
    13. Groupie Gang
    14. Dont Shoot Em
    feat. Marley G & Rich The Kid
    15. 2 Hot For TV feat. Lil Twist
    16. Kreep
    17. Freaky Side
    18. Main Things
    19. Light Years
    20. Bloody Mary
    feat. Juelz Santana



    Gleich vorweg: Ich war nie Fan von Weezy. Meine erste und lange Zeit prägende Wahrnehmung von ihm war sein Lolli-lutschender Auftritt im "Lollipop"-Video, den ich zum Kotzen fand, von Müll wie "On Fire" oder "Fireman" ganz zu schweigen, alles für mich damals peinlich und noch heute zäh und ohne Seele. Um sicherzugehen, habe ich mir das gerade nochmal angeschaut, ist immer noch scheiße. Seine frühen Werke, die ja allgemein als stilprägende Meilensteine beachtet werden, konnte ich mir in den letzten Jahren dementsprechend nur sporadisch erschließen. "Mo Fire" und "Shoot Me Down" eigneten sich für mich bislang nur zum Autofahren, für intensives Zuhören wirkten Waynes alter Output zu sehr als Kind seiner Zeit, zu sehr lediglich als Blaupause für das, was dann von anderen kam. Das spricht natürlich einerseits für dessen Bedeutung, andererseits sollte das mit echten Evergreens nicht passieren. Selbst das starke "6 Foot 7 Foot" konnte mich damals nicht für "Tha Carter IV" begeistern, trotz lyrischer Gewalt und Sprachwitz ("I got through this sentence like a subject and a predicate"). Als langjähriger Pitchfork-Leser blieb mir bei den Höchstwertungen vor allem die Begeisterung der Rezensenten angesichts des Flows hängen, der sich mir im Nachhinein leider auch nicht erschloss. Während ich Weezy also zunächst ignoriert hatte, nahm seine Karriere in der Zwischenzeit einen eher üblen Verlauf mit vielen allseits als medioker angesehenen Releases. Seine maßgebliche Leistung in der Zwischenzeit dürfte der massive finanzielle Beitrag zur neurologischen Notfallversorgung in den USA sein. "6 Foot 7 Foot" wurde hier ja schon erwähnt, Feature-Gast war der von mir ab dann innig geliebte Cory Gunz; leider eine amour fou, da der gute Cory sich anschließend wegen Waffenbesitz größtenteils aus der Öffentlichkeit zurückzog (aber wohl in Kürze sein Debütalbum veröffentlichen wird). Jedenfalls war er Gast auf "Dedication 6", ich höre mir den Song deswegen an, finde ihn gut, höre mir das ganze Tape an, finde es interessant, komme erst nicht zum Schreiben, Tunechi droppt "D6: Reloaded" und hier sind wir wieder.


    Your squad ain't hard, that's cushion/
    That ain't sauce, that's puddin'/
    Tunechi across her bosom, damn!/
    Shootin' up the jurors, damn!

    (Lil Wayne auf "Big Bad Wolf")


    Nun habe ich schon relativ viel Rahmen geschrieben, etwas mehr muss aber doch sein, denn "Dedication 6" und "Dedication 6: Reloaded" sind beide Teil der Gangsta-Grillz-Serie von DJ Drama (was leider auch in jeden Song geplärrt wird und sich anhört wie "bang some Brasil"), ebenso wie es die vorherigen "Dedication"-Mixtapes zumindest teilweise auch waren. Die "Dedication"-Reihe ist eine echte Mixtape-Reihe, hier wird wirklich über (nur wenig) angepasste fremde Beats gerappt und kein eigenes Material gedroppt. Drama nennt alle möglichen anderen Releases auch Gangsta Grillz, ist ja offenkundig auch ein obertoller und keineswegs pubertär klingender Name, wobei diese anderen Werke durchaus Produktionstalent erahnen ließen. Ein wirklich Großer ist er aber nicht, was sich darin spiegelt, dass er außer mit Weezy mit Hinz und Kunz arbeiten muss (T.I., an dieser Stelle Jimmy-Fallon-eew-gif vergegenwärtigen). Hier macht er seinen Job, der im Wesentlichen aus Cutten und Zusammensetzen besteht, ganz ordentlich, da er die stärksten Aspekte der Originalsongs, meist einen prägnanten Melodiebogen wie bei "Fly Away" (K-Dots "D.N.A.") wirken lässt und ansonsten Wayne genug Raum zum Atmen verschafft und einen meist eher simplen Beat mitlaufen lässt. Dieser ist es dann in den allermeisten Fällen auch, auf den sich unser Lil MC konzentriert und das ist ein kleiner Kritikpunkt: Zwar tut es seinem Flow offenkundig gut, dass allzu viel Adaption an die Instrumentierung unterbleibt, bei manchen Songs schleicht sich jedoch das Gefühl ein, dass der eigentlich prägende musikalische Rahmen (wie die Synthies bei "XO Tour Lif3", ihr wisst schon: di-dew-di-dew) für den MC irrelevantes Beiwerk ist und der relativ austauschbare Grundbeat den einzigen gesanglichen Bezugsrahmen bildet – das schafft Beliebigkeit und wenn der Grundbeat fehlt, wie bei "Blackin Out" (Jiggas OJ), ignoriert Wayne die Musik einfach komplett. Dieses Problem ist dort am wenigsten stark, wo die Musik homogen und ohne große melodische Ausschläge auftritt, wie im sowieso bärenstarken "Yeezy Sneakers" oder bei "Bank Account", hier wirkt Tunechi richtig im Einklang mit dem Song im Sattel, statt ihn einfach nur durch Reimketten zu zähmen. Auf diesen Songs gelingt es dem Rapper auch, einen hypnotisch wirkenden Flow zu erschaffen, der sich ungekünstelt immer weiter in den Track bohrt, bis man endgültig den Eindruck hat, man sei in den Kaninchenbau gekrochen; dazu passt der oftmals erst tief im Track zum Einsatz kommende metallene Vocoder-Effekt auf Waynes Stimme, gut zu hören bei "Weezy N Madonna", sehr gut. Dabei vereint er eine streckenweise famose Technik mit Energie und Varianz mit einem feinen Sprachgefühl und Sprechrhythmus, die viele rezitierwürdige Lines ergeben (mein Liebling: "I feel like North Korea/ even though we oceanside" auf "Yeezy Sneakers"). Man hat fast nie das Gefühl, ein Wort stehe an der falschen Stelle oder werde zu viel gesagt. Diese Stärke zieht sich durch beide Mixtapes wie ein roter Faden, technisch solide ("2 Hot For TV") über gute ("Freaky Side") bis großartige ("5 Star") Leistungen prägen diese Werke, die sich im übrigen kaum unterscheiden und hier pauschal zusammen bewertet werden. Gerade bei "5 Star" ist schön zu sehen, wie Wayne mit einer aktuellen Top-MC, in diesem Fall eine prächtig aufgelegte Minaj, nicht nur mithalten kann, sondern die Tempovariationen aus ihrem Part aufgreift, ausbaut und so einen wirklich bemerkenswerten, einnehmenden Part schafft.
    Was hier allerdings nicht geschieht, ist der "Mixtape-Optimalfall": Das Zu-Eigen-Machen eines fremden Beats. Weezy liefert hervorragend ab, man hat allerdings kaum den Eindruck, dieser oder jener Beat hätte für ihn statt für den eigentlichen Künstler komponiert werden sollen oder der MC suche eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Original-Artist. Dafür rappt Wayne zu eigen und ignoriert wie gesagt die Musik zu sehr, ein echter Vergleich mit den Original-MCs erübrigt sich so. Man hat auch nicht den Eindruck, dass der New Orleanian dieses Kräftemessen suchen würde oder sein Eigenanspruch sei, diese Songs zu vereinnahmen. Die Breite und Aktualität der Trackauswahl (Jiggas "Story of OJ", Malones "Rockstar", Tillers "Set It Off" – alles aktuell und Mainstream) ebenso wie sein Rapstil sprechen eher für eine Fingerübung der guten Sorte, für le rap pour le rap, und wenn man die Technik hat, spricht nichts dagegen, sie zu demonstrieren. Veröffentlicht wurde über datpiff, was leider ebenfalls gerne in die Songs gebrüllt wird, aufgrund der anhaltenden Streitigkeiten mit dem Vogelmann.


    I'm just lookin' for lil' sexy to direct me from the sorrow/
    They ain't promisin' tomorrow but she promise to be loyal/
    So I promise to be faithful, but I'm prolly not gon' chase you/
    Sit down on my dinner table, eat that pussy like it's catered

    (Lil Wayne auf "Main Things")


    Dass der Spracheinsatz geglückt ist, wurde bereits festgehalten, die inhaltliche Seite der Lyrics offenbart allerdings einige Schwächen. Denn einer der wenigen Aspekte, die ich früher an Lil Wayne mochte, nämlich dass er einer der viel zu wenigen Rapper war, die tatsächlich über Themen oder ein Song-Motiv rappen ("Mrs Officer", "I Feel Like Dying", "Georgia...Bush"), hat sich mittlerweile erledigt. Die Kinder haben die Revolution gefressen, könnte man sagen, denn Weezy rappt zwar sprachlich ungemein eleganter als die ganzen anderen gesichtstattoowierten Lils, sein Horizont endet aber mittlerweile auch bei diversen seizure-triggernden Drogen, Ficken und Auf-Das-Eigene-Vermächtnis-Abstellen. So werden die langen Passagen aber irgendwann dröge, egal wie technisch fein sie vorgetragen werden. Das sich abzeichnende Muster, wie unter anderem auf "Kreep" zu sehen: Bitches auf Kodein halb querschnittsgelähmt vögeln, dann zum Schluss alle Homies daran erinnern, dass man den Bitches nicht trauen darf. Fraglich bleibt, wie die Juristen so schön sagen, ob Weezy manch feinen Witz, der sich aus der Gegenüberstellung von Original und Remix ergibt, absichtlich tätigt: Wie Kodak Blacks hochgradig weinerliche "Jesus rettet mich, obwohl ich so kriminell bin"-Ode in eine Art misogynes "Into my arms" samt blasphemischer Kanye-Spielerei umgedichtet wird, entlarvt das Original gekonnt als den unreflektierten Scheißdreck, der er ist. Wo die Auseinandersetzung mit dem Originaltext offen stattfindet wie bei "Fly Away", findet Wayne nur oberflächlichen Zugang ("I got Doja, Narcotics, and Actavis; that's DNA").
    Die Feature-Gäste stören nicht und bewegen sich eher im üblichen Verdächtigenkreis um Young Money, sind also größtenteils deutlich unter der Schlagweite des Hauptakteurs. Eine Ausnahme bilden Drake und Minaj, die beide auch tatsächlich starke Parts liefern, vor allem Minaj passt gut zu Weezys schnellem und rhythmischem Flow und überzeugt mit feiner Ruptur im Flow-Tempo.


    I prolly was fucking your bitch on Dedication 4, and the whole fucking shit was dedicated to her, you know what I mean. I dunno. Whichever one that wasn't, that didn't do as well as all of the rest of them, that was definitely the one that was dedicated to her (Lil Wayne auf "For Nothing")


    Fazit:
    Kann sein, dass meine Erwartungen einfach deutlich anders waren als die vieler anderer Rezensenten; ich erwartete mir nichts, und ich bekam starken Flow, einen gut gelaunten MC und viele Lines für mein Eminem-sitzt-im-Bus-und-draußen-regnet's-Notizbuch. Was ich nicht bekam, war eine Epiphanie. Weder ergibt sich mir jetzt im Nachhinein die breite Verehrung, die Lil Wayne für sein Frühwerk erfährt, noch ist Dedication 6 samt Reloaded auch nur das beste Release, das ich auch nur die letzten drei Monate gehört habe. Dafür ist es eine beeindruckende Fingerübung, die zeigt, dass hier ein Gigant schlummert, der in dieser Phase seiner Karriere vielleicht auch gut daran tut, 35 Songs einfach mal zu rappen, ohne sich über viel anderes einen Kopf machen zu müssen. Und der dabei, vom künstlerischen Gesamtwerk abgesehen, einige der stärksten Parts hinlegt, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Damit bin ich schon happy.



    Franz Xaver Mauerer


    [redbew]2335[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2335[/reframe]

    Forrst Gump gefällt mir am besten, mit 105 spricht man belesene Fanbase kritisch an, außerdem geht endlich mal ein deutscher Rapper/Musik/Multikünstler in die Abstrakte Musik und ebnet so hoffentlich einigen Neu/Quereinsteigern einen Weg in die Musik. Würd mich extrem freuen wenn so ein wandlungsfähiger Künstler das Black Genre eindeutschen würde, kleine Kritik am rande an manchen stellen fliegt der Beat unnötig lang ohne Gesang, so würde man diese mit dem nächsten Projekt auch gleich wieder aushebeln.-Twork or Pogo- 8 stars =D


    wenn der thread schon ausgegraben wird: erläuter mir das genre abstrakte musik bitte mal.

    baurau kollege übertreib mal nicht deine rolle. kennst rap seit 18.01.2015 aber schreibst eine wissenschaftliche marktanalyse ahahahaha lächerlich sorry?!


    verlink die bitte mal, kann mich gar nicht daran erinnern, die geschrieben zu haben.
    [MENTION=1065003]Gynther[/MENTION]: ja, schwarzer chevy, mit sehr viel effet

    Freut mich für deinen hoch angesetzten Erfolg, einen rappers.in Thread zu kriegen.


    1) kann er sich im erfolg baden, ohne zuvor einen erfolg "angesetzt" haben zu müssen
    2) ist das wenn überhaupt mein thread, vielleicht noch jencons


    Darknet Connection:


    1. Gewalt
    2. Meine Uzi
    feat. Yaesyaoh & Luis Lone
    3. Mörserstyle
    4. Höllenpforte
    5. Axtmörder
    feat. Matze Hund
    6. 8 Meter
    7. Karriereleiter
    8. Zirkel




    Alles ist der Zirkel:


    1. Track X feat. Coffeehouse
    2. Alles ist der Zirkel feat. Luis Lone & Matze Hund
    3. Renn feat. Saddam Bush
    4. Munition feat. Headskin
    5. Clips feat. Yaesyaoh




    Horrorsexdungeon:


    1. Intro
    2. Pimpin mit der Glock
    3. Die Pumpgun entscheidet
    4. Chopper
    feat. Matze Hund
    5. DragEmFromTheRiver2017 feat. Yung Isvvc
    6. Hinter Gittern
    7. Spatenstich
    8. Piratensender
    feat. Lord Synysta
    9. Stech Rapper ab
    10. Luzifershirt
    11. Schwarzer Chevy
    12. Outro



    Wuuuu, Sammelreview! Machen wir selten, hier passt es aber einfach: Rapper wenig bekannt, Output hochfrequent, Stil konsistent. Warum James Jencon aber zumindest in einigen Hinterköpfen vertraut widerhallen wird, liegt vermutlich an seiner Kollaboration mit Louis Lone aka LGoony und Yaesyoh als Uzi-Mob samt sehr gelungener LP "Schreie aus dem Keller". LGoonys Name zieht halt einfach Klicks, wobei man Jencon durchaus abkaufen darf, dass er an dem Fame kein Interesse hat, schließlich spuckt er seine Hasstiraden schon ein Weilchen kostenlos unter die Leute. Auf "Schreie aus dem Keller" überzeugte JJ vor allem, da er im Unterschied zu Lone und Yaesyoh nicht nur über tolle Skills oder einen sehr eigenen Rapstil verfügt, sondern beides vereint. Manche Parts, man höre zum Beispiel "Stechen" oder "Doppelmord", liefen selbst einige Wochen nach Release noch bei sich ritzenden 15-Jährigen (und mir) auf Dauerrotation und bis heute freut man sich, wenn der wie irre bellende James dran ist, da er die Songs maßgeblich trägt. Um ihn für diese verdiente Leistung zu würdigen und um zu überprüfen, ob bei Herrn Jencon, erfolgstrunken durch den Mob, eine Verweichlichung im Spätwerk à la Tocotronic erkennbar ist, widmen wir uns an dieser Stelle seinen Veröffentlichungen des Jahres 2017 mit den dreiviertelpeinlichen Namen "Horrorsexdungeon", "Darknet Connection" und "Alles ist der Zirkel".


    Einmal musst' ich mich entscheiden zwischen Rap und einer Frau/
    Aufgrund von mangelnden Beweisen bin ich heute nicht im Bau/
    Deine Flows finden höchstens Taubstumme gut/
    Ich hab' nur 'n Spotlight auf mir, bei 'nem Ausbruchsversuch

    (James Jencon auf "Munition")


    James entspricht insofern dem sehr klassischen Battlerap-Verständnis, als dass seine Texte nur äußerst selten gegen bestimmte Personen beziehungsweise andere MCs gerichtet sind, sondern ein lyrisches Du angreifen. Dieser Angriff ist letztlich der einzige Bestandteil sämtlicher seiner Lyrics, was leider eine gewisse Dosierung der Hörgewohnheiten verlangt; wie das mit ewigem "du" nun mal so ist, geht der effet du réel verloren, die Beleidigungen büßen ihre ursprüngliche Bedeutung ein. Allerdings ist nicht der eigentliche Inhalt, sondern die Originalität und der Charme der zumeist völlig überdrehten Schmähungen und Drohungen sowie der Wortwitz das Salz in der Jenconschen Suppe, er schafft es dadurch, sich seinen eigenen Kosmos aus Morddrohungen zu basteln, in dem man als Hörer dann mit der Zeit differenziertere Nuancen wahrnehmen kann und ein Song ganz ohne Messerstechen schon lieblich anmutet; er vermeidet auch eindimensionalen Horrorcore-Splatter, es geht immer um das "was" des Angriff, selten um das "wie". Was allerdings, gleich auf welcher Metaebene man sucht, fehlt, ist Inhalt oder Erzählung, man muss sich mit den guten Reimen an sich abfinden, deshalb auch der doch merkliche Abnutzungseffekt bei zu langem Hören.


    Du wurdest zu Seyed gezeugt, du geborener Verlierer/
    Schwuchtel, komm mich battlen/
    Meine Straße ist der Kriegspfad/
    Ich mach keine Features, mit irgendwem, den du feierst/
    Denn die sind alle schwul, Alter

    (James Jencon auf "Gewalt")


    Apropos Abnutzung und schmerzende Ohren: Ein gewisser Widerspruch besteht zwischen der Wichtigkeit der Texte, ohne die Jencons Stil nicht funktioniert, und der ganz beschissenen Abmischung und vermutlich auch Aufnahmequalität, wobei die Produktion sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Am bedenklichsten ist in dieser Hinsicht "Horrorsexdungeon", aber auch "Darknet Connection" spart nicht mit beträchtlichen Unterschieden in der Lautstärke und Qualität, obwohl komplett von Lars Lichtgestalth produziert. Außer diesem illustren Herrn produziert meist der anschaulich benannte DJ Cruzifix, der aber allem Anschein nach auch nur über ein Laptop mit einer raubkopierten Version eines Aufnahmetools verfügt. Nichts gegen Lo-Fi, aber hier trägt das Drumherum weniger zum Charme bei, es hindert den MC eher, gerade da sein Flow sehr wuchtig und verspielt ausgeprägt ist und schwache Beats zwar tragen kann, aber bei starker und wahrnehmbarer instrumenteller Unterstützung erst brilliert, siehe das tolle "Mörserstyle".
    Wenn wir bei Jencon als MC sind, müssen wir kurz zurück zu den Lyrics gehen: Die aggressiven Texte sind ganz elementar, da sein Stimmeinsatz sonst schräg wirken würde, denn wie schon beim Uzi-Mob keift er sich durch die Parts. Dabei wirkt er wie ein Pubertierender vor dem Stimmbruch, der mit falsch eingestelltem Stimmfilter Dälek und All Pigs Must Die gleichzeitig mitsingen will. Der Witz daran ist, dass sich das richtig gut anhört, was vor allem am ausgeprägten Gespür des MCs für Flow liegt. Wie oben schon gesagt, ist sein Flow aufgrund seiner hohen, kindlich wirkenden Stimme nicht nur außergewöhnlich und kommt mit sehr wenig Bedacht auf eine stringente Darbietung aus, er ist auffallend druckvoll vorgetragen. So ist seine Stimme meist das tatsächliche Rhythmusinstrument und ersetzt oftmals die furchtbar abgemischte Instrumentierung, die noch dazu meist sehr simpel gehalten ist und sowieso kaum Grip entwickeln kann, nachzuhören unter anderem auf "Alles ist der Zirkel", "Karriereleiter" und "Schwarzer Chevy". Teilweise erinnert Jencon an alte Royal-Bunker-Tapes, als alle Beteiligten noch nach vorne gerappt hatten, vulgo bevor sie sich, wie sagen die jungen Leute, "ganz ganz billig" verkauft haben.


    Was sehr angenehm ist und hoffnungsfroh stimmt, ist die Entwicklung, die man ohne große Suche bei James feststellen kann. Innerhalb nur eines Jahres hat er nicht nur seine Stärken nicht eingebüßt, so der Druck hinter der Stimme und der Wortwitz, sondern sogar insbesondere beim Tempogefühl dazugelernt, weshalb seine Delivery auf "Alles ist der Zirkel" deutlich variabler ist als "Horrorsexdungeon". Ein kleiner Wermutstropfen sind die Features, die zum einen meist noch beschissener aufgenommen sind als Jencons eigene Parts, zum anderen fehlt den Kollaborateuren mit Ausnahme von Lone und Coffeehouse einfach Talent oder Originalität. Bei dem offenkundigen Aufwand, den er in seinen Rap steckt, wird sich unser MC bald entscheiden müssen, ob der Schritt in die Professionalität mit einer teilweisen Abkehr vom Umfeld erfolgen soll oder nicht, denn die Eindimensionalität im Sound wird sich anders nicht brechen lassen, und das wäre bei allen Untergrund-Credentials einfach vergeudetes Talent.



    Ich hab' mit schwulen Strichern Beef/
    Lass' gucken, wie du Nuttensohn mit Kugeln im Gesicht aussiehst/
    Ich bin ein Untoter wie Jesus/
    Deine Crew besteht aus schwulen Punks und 'n paar Emos/

    (James Jencon auf "Hinter Gittern")



    Fazit:
    Vielleicht sollte jemand in die Höhle der Löwen gehen und vorschlagen, ein Label zu gründen, um diesen Typen zu signen und seinen Buddies Ableton-Lizenzen zu schenken – könnte was für die Wöhrl sein. Ich jedenfalls habe richtig Bock darauf, noch ein paar Dutzend von JJs Tapes zu hören, bin mir aber unsicher, wie ohne Tour und kostenpflichtige Verkäufe Kohle für bessere Produktionen organisiert werden soll. Neben diesem Kritikpunkt bleibt nur anzumerken, dass der vermutlich recht junge MC seine zweifellos vorhandene Intelligenz nutzen sollte, vom reinen clownesken Wortwitz etwas in die Tiefe zu gehen – wenn es schon sonst kaum jemand im Deutschrap schafft, der hier könnte es. Neben der Originalität, den für sich betrachtet hervorragenden Texten und dem gottgegebenen Naturtalent für Flow verblassen diese Kritikpunkte aber und vor allem mit Lois Lone hat James sogar schon starke Unterstützung im Gepäck. s/o für die Cover, hätten Vinyl verdient.



    Franz Xaver Mauerer


    [redbew]2323[/redbew]


    Bewerte diese CD:
    [reframe]reviewthread.php?reviewid=2323[/reframe]

    free-version von spotify auf dem pc/laptop/tablett ist im prinzip das gleiche wie premium nur dass du alle 30min mal ne werbung bekommst und keine lieder downloaden kannst




    wie fandest du rtj und death grips?


    zu rtj: read my review


    zu dg: die haben nur eine remix-single veröffentlicht dieses jahr.

    hi freaks, mehr listen braucht ihr nicht:



    national


    Album
    20 – Yung Hurn – Love Hotel
    18 – Odmgdia – Eat Shit Or Die Trying
    16 – James Jencon - Darknet Connection
    14 – BBou - Idylle
    12 – Kharaz - Kaffeefickfilm
    10 – Käptn Peng – Das nullte Kapitel
    08 - Syllabil Spill – Der letzte weiße König
    06 – RIN - Eros
    04 – Mister Meta – Money Calls
    02 – Ahzumjot – Luft & Liebe



    International


    20 - Tyler the Creator - Scum Fuck Flower Boy
    18 - Lil Kleine - Alleen
    16 - Kid Cudi - Passion, Pain & Demon Slayin'
    14 - MF Exquire - Brainiac
    12 - MF Shabazz – The Nigga Tapes
    10 - Meyhem Lauren – Gems from the Equinox
    08 - King Krule – The OOZ
    06 – Dälek – Endangered Philosophies
    04 - Jay Z – 4:44
    02 - Shabazz Palaces – Quazarz: Born on a Gangster Star

    finds eher uncool geschrieben bzw anstrengend zu lesen
    das Flapsige kommt seltsam, Sätze stark parataktisch und/oder ellenlang, auch paar unnötige Füllworte zu viel imo
    dafür teils schöne Wortwahl und inhaltlich klingt das auch schlüssig alles


    du warst auch die zweite Sookee-Review, ne?
    glaube die fand ich besser geschrieben


    ja, die war ich auch. schade, dass du's so siehst, ich habe persönlich nichts gegen ellenlange sätze.