Chakuza – NOAH


  • 01. Anno 1981
    02. Wien
    03. Bilder
    04. Gold
    05. NOAH
    06. Tanzmarie
    07. Vorhang
    08. Prag
    09. Sonnenallee
    10. Winterschlaf
    11. Mond
    12. Dings
    13. Wassersturmfeuer


    Albencover sind eine schwierige Angelegenheit, alleine schon, weil eine Verbindung so grundverschiedener Medienrezeptionsformen wie Audio und Visualisierung komplex ist. Dazu kommt im speziellen Fall von Albencovern ein immanentes Ungleichgewicht: Anders als in einem Musikvideo können sich die beiden Formen kaum ergänzen, sondern das Visuelle, quasi die Werbefläche des Albums, muss zunächst für sich alleine stehen, um als Kaufanreiz zu dienen. Anschließend muss die visuelle Komponente auch noch dann bestehen, wenn der einzelne Rezipient die Musik aufgenommen und für sich individuell verarbeitet hat. Was will uns also ein Künstler wie Chakuza sagen, der sich mit zum Gebet gefalteten Händen, ein bisschen weltschmerzig nach unten schauend mit einem Pastell-Blur-Effekt auf seinem Albumcover verewigen lässt? Ist das ein harter Metawitz auf Kosten von Audio 88 & Yassin oder nicht ironisch gemeint? Ist Chakuza also in die alte Four Music-Falle gerutscht und folgt seinen Labelkollegen (jüngstes Beispiel: Schirmmützenheini Mark Forster, dessen EM-Song sich im zwangsfinanzierten TV-Programm ein tägliches Peinlichkeitsbattle mit Grönemeyers "Jeden für Jeden" liefert) in die Bedeutungslosigkeit des Stammelns eines wabernd angedeuteten generellen Unwohlseins, die seelisch Verkrüppelten als echte Emotionen verkauft werden sollen? Sein selbstgewähltes "Exil" auf einem Pferdehof in der bayerischen Provinz, das auch noch medienträchtig mitsamt dem letzten Album "Exit" als innere Einkehr verkauft wurde, lässt Schlimmes erahnen – und missfiel dem aus der bayerischen Provinz stammenden Autor dieser Rezension, weil Chakuza Bayern als Einsiedlerhöhle zu verkaufen versuchte.


    Die aktuelle Platte "NOAH" (großgeschrieben, s. -> "Pathos") ist in Chakuzas Kosmos also als Wiederkehr von der Flucht zu verstehen, als ein Wiederaufbäumen eines revitalisierten Rappers. Der Titel, den Chakuza nicht religiös verstanden haben will, soll einfach nur ausdrücken, dass er alles ihm musikalisch Wichtige auf seiner Arche versammeln möchte. Das ist kein geringer Anspruch, aber Chakuza legt noch nach auf seiner Website: "»NOAH« ruht in sich selbst und ist ein fantastischer Schlussstrich unter den langjährigen Selbstfindungsprozesses [sic!] einen [sic!] Künstlers, der lange genug mit sich selbst und der Welt im nervenzehrenden Streitgespräch lag. Chakuza kann wirklich erleichtert sein". Nun kann man aber auch vom Sich-Erleichtern erleichtert sein und um dem nachzugehen, fangen wir von vorne an: "Anno 1981" ist etwas ganz Wichtiges passiert, da erblickte der kleine Chakuza nämlich das Gesicht einer Linzer Hebamme. Orgeln sind immer toll und tatsächlich gelingt es Chakuza hier, eine organische Instrumentierung zu präsentieren, die einfach gut klingt, seinen Rap unterstützt und zwar eingängig, aber nicht eindimensional ist. So wollen sich viele Clueso-Songs anhören, da ist Zug drin, es sind offensichtlich gute Musiker am Werk und dann ist das auch noch sauber produziert und abgemischt. Textlich sieht das anders aus: Der Song beschreibt nur den unwahrscheinlichen Aufstieg (zu was?) eines tollen Typen, dem irgendwelche Idioten Steine in den Weg gelegt haben:

    Ich bin mein eigenes Zugpferd/
    Die Scheiße ist nur, dass, wenn ich schreie, keiner zuhört/
    Wie eine Einweihungsfeier, aber du störst/
    Der Kreis wird bei weitem nicht reichen für'n U-Turn/
    Riesiges Boot oder sinkendes Floß/
    Stimme zu tief für 'nen Engel/
    Der Himmel zu hoch/
    Nach außen hin kleiner Bengel, innen drin groß

    (Chakuza auf "Anno 1981")

    Sogar der libertärste Parlamentarier würde wahrscheinlich einem Gesetzentwurf zustimmen, der solche Lyrics verbietet. Abgesehen von der infantilen Sprache als solcher ergibt das alles auch überhaupt keinen Sinn; warum sollte jemand Starkes ("Zugpferd") denn überhaupt Zuhörer benötigen? Welche Feier? Welcher Kreis? Warum die Engel? Das sind Phrasen, das sind Punkte – kennt ihr diese Infrarotschnittstellen in Einkaufszentren oder Behörden? Die sind dafür da, dass Wachmänner auf ihrer Tour mit einer Chipkarte bestätigen, dass sie diesen Bereich patrouilliert haben – so macht Chakuza das auch, er schlurft für Mindestlohn durch ein verwaistes Bürogebäude um 02:00 Uhr nachts, checkt den Punkt ab, und den nächsten, und so weiter, bis er eben alle Bereiche abgedeckt hat – authentisch wirkt das nicht.
    Widmen wir uns den Ort-Songs des Albums, davon gibt es gleich vier: "Wien", "Prag", "Sonnenallee" und "Mond". Die Distanz Chakuzas zu seinen eigenen Texten ist hier besonders eindringlich, denn in keinem dieser Songs geht es um die Orte oder Emotionen, die er mit diesen Orten verbindet; sie dienen ihm nur als Blaupause für verschiedene Sehnsuchtsstufen, sind aber völlig losgelöst von Chakuzas eigentlichem Bezug ihnen gegenüber. "Wien" handelt von (unreflektiertem) Utopismus, "Prag" von jugendlichen Idealen, "Mond" von Weltschmerz und "Sonnenallee" von einem Katermorgen. Der letztgenannte Song ist wiederum ein weiteres Beispiel für die belang- und lustlosen Texte dieser Platte:

    Nur durch vergessen kommt der grenzenlose Horizont/
    Ich seh' die grelle Sommersonne, wenn der Morgen kommt/
    Die Türen sind geschlossen, auch für dich, Jim Morrison/
    Ich brauch nach der Action wohl 'ne Pause/
    Hol' mir was zu essen, lauf' wie Rotkäppchen nach Hause/
    Das echte Leben fühlt sich gar nicht so an/
    Ich war bis eben noch gefangen im Fantasialand

    (Chakuza auf "Sonnenallee")

    Welcher Rapper bezeichnet sich selbst als "Rotkäppchen", direkt nachdem er sich mit "Jim Morrison" vergleicht? Nicht einmal (dem hochgeschätzten) Le1f käme so ein genderbender-Nonsens in den Sinn, wobei Chakuza keinen Anflug von Ironie oder Reflektion erkennen lässt, wenn er so etwas bringt. Das ist umso bedauerlicher, da Chakuza als Rapper eigentlich nicht so limitiert wäre, als dass er sich eh nur auf die Instrumentierung verlassen müsste. Seine sonore, ruhige Stimme passt zu seiner unaufgeregten Delivery. Trotzdem wirkt sein Rap stimmlich selten fad, Langeweile stellt sich erst durch die plätschernden Lyrics ein. Chakuzas Songwriting ist eher zurückhaltend, so dass er seinen Rap gut auf die Produktion einstellen kann, das Fließende kommt ihm zupass. Insgesamt dominieren weiche Drums und Tasteninstrumente, die bereits genannte Orgel muss viele Einsätze bestreiten, "Wien" wird vom Klavier getragen. In seinen besten Momenten wirkt das für die Instrumentierung zuständige niederländische Künstlerkollektiv In Vallis wie eine schnellere Version von Lambchop. Bezüge zu aktuellen Entwicklungen im HipHop fehlen übrigens völlig, aufgrund des organischen Charakters der Platte vermisst man diese aber auch an keiner Stelle, es zeichnet Chakuza durchaus aus, dass er hier keine Kompromisse fährt. Chakuza erwähnt oftmals die Donau, den prägenden Fluss seiner österreichischen Heimat, und so wie der Schwarze Fluss ist Chakuzas Flow auch meist ruhig und konstant. Die beiden obigen Beispiele verdeutlichen aber eine weitere eklatante Schwäche von Chakuzas Lyrics, nämlich ihre unbeholfenen Fünftklässler-Reime. Oft muss Chakuza Füllwörter, schiefe Satzkonstruktionen oder Inversionen nutzen, um die Reime hinzubiegen, so in:

    Wie oft hat mir der Kopf das schon verziehen?/
    Ich denke oft, ich fiel als Kind in einen Topf voll Aspirin/
    Die Arme müde und die Hanteln, die sind richtig schwer/
    Tag der lahmen Ente, nicht verdammt wütender Grizzlybär/

    (Chakuza auf "Winterschlaf")

    Diese wirken dadurch natürlich künstlich, was durch die souveräne Delivery nur teilweise ausgeglichen werden kann. Über den indiskutablen Aufzählrap im grotesk benannten "Tanzmarie" sollte man nicht mehr Worte verlieren als nötig. Streckenweise hätte ich mir gewünscht, Chakuza würde einfach wie ein SingStar-Cheater summen, dann wäre das ein ziemlich gutes Album. Übrigens gibt es eine Edition des Albums, bei der als Bonus-CD die Instrumentals beiliegen. Diese sei hiermit jedermann ans Herz gelegt.

    Fazit:
    Ein Witz für unsere bayerischen und österreichischen Leser: No, ah, wie war denn "NOAH"? Die eingangs geäußerte Befürchtung, "NOAH" könnte bedeutungsschwangerer inhaltsleerer Sondermüll sein, konnte leider nicht ganz zerstreut werden. Chakuza selbst bezeichnete das Album in einem Interview etwas verschämt als "Coldplay mit Rap"- aber muss das implizieren, Chris Martins beschissene Lyrics zu übernehmen? Allerdings bleibt es dabei, dass Chakuza ein wirklich nicht schlechter Produzent und Songwriter ist. Vielleicht wäre ein Ghostwriter eine gute Idee, aber das bleibt wohl ein hehrer Wunsch. Wenigstens das verhuscht Konzeptionelle sollte Chakuza aber aufgeben; entweder er sucht sich ein Thema, das er dann auch auf Albumlänge durchzieht und in das er tief einsteigt, oder er akzeptiert, dass er kein festes Thema hat. Der Ansatz, Schaffensperioden emotional prägen zu wollen, übersteigt seine Fähigkeiten nämlich gewaltig. So ist "NOAH" eine nette, aber belanglose Platte, ideal für eine nächtliche Autofahrt zwischen Chakuzas Heimat Linz und der bayerischen Provinz, in die es ihn verschlagen hat. Für die Rückfahrt lege ich aber lieber Ambros ein.


    (Franz Xaver Mauerer)


    [redbew]2074[/redbew]


    Bewerte diese CD:
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  • Hallo Franz.


    Ich find deine Sicht auf das Album etwas zu überzeichnet. Die Lyrics als beschissen zu bezeichnen, einen Ghostwriter nahezulegen, und dann zu schreiben, Chakuza wäre ein "wirklich nicht schlechter" (also guter?) Produzent und Songwriter um das vorhergegangene etwas zu entkräftigen, ist, Fadenscheinigkeit in Reinform. Wirkte in der Gänze auf mich so, das du vorurteilsbeladen an das Album gegangen bist. Ist ja legitim, doch etwas zeireissen weil einem der Zugang fehlt, oder die Erwartungshaltung falsch war, ist gelinde geschrieben, uncool. Ich find es ja okay es so zu sehen, aber etwas weniger niedermachend hätte ich schon als fair(er) erachtet.


    Ein klarer Punkt ist, das sich seine Lyrics (m. E.) geändert haben. Sie sind deutlich metaphorischer und öffnen intepretatorischen Freiraum. Und das in Gedichtsform, und weniger in Raplyrics. Früher war er kreativer was das angeht, das leugne ich nicht, aber irgendwann wird es auch schwer/er mit simplen Wortkombinationen Bilder/ Emotionen zu erzeugen. Ist ja nicht sein erstes Album. ;) Das ist eine stilistische Weiterentwicklung, und daher schwer zu werten, außer man nimmt Referenzen. Magnolia/ Exit sind die Vorboten gewesen. Es war schlicht zu erwarten das da noch mehr kommt, was sich dort angliedert. Alles andere wäre überraschend gewesen. Suchen und Zerstören, City Cobra usw. ist vorbei, sowas wird es nicht mehr geben, das sollte einem klar gewesen sein. Deine Erwartungshaltung in der Hinsicht war? Chak käme mit Cro-like Lyriks um die Ecke, und zeichne eine von rosaroten Pandas bewohnte Welt in der Milch, Honig, und Bier in Bächen fließe? Ich hab mehr oder minder gehört was ich erwartet habe. Gut verpacktes Trübsal mit instrumentaler Unterlegung auf gutem Niveau.


    Fazit: das Album ist eine Frage der Erwartungshaltung bezogen auf Kenntnis seiner Werke. Interpretatorische Freiräume sind vorhanden, und daher sollte man Rotkäppchen nicht zur Hexe machen, in den Käiffig sperren wollen, um Sie in dem nächsten Bach zu ertränken. Kurzer Waterboarding wäre da eine Option gewesen. Nicht das beste Werk von Chak, ja, aber doch eher solide als schlecht.


    In diesem Sinne: 6/10


    Beste Grüße

    [QUOTE=Kay Eiffel]Why was Harold talking to this man? This man was an idiot.[/QUOTE]
  • das album hat nur chakuzas entwicklung der letzten jahre fortgeführt. ein album das musikalischer, sprich poppiger wird war zu erwarten. kann mir gut vorstellen, das chakuza sogar lieber singen würde aber halt nicht singen kann. ist ja stellenweise schon ein singsang flow


    ob man das mag oder nicht steht auf einem anderen blatt. ich persönlich würde mir das Album nicht kaufen, abseits vom klassischen rap gibt es einfach besser alternativen als chakuza

  • [MENTION=1045855]IVIB[/MENTION]


    hola hermano,


    ich entkräfte überhaupt nichts, wenn ich ihn komplett schlecht fände, hätte ich ihn komplett schlecht bewertet. Und ja, "nicht schlecht" bedeutet v.a. im süddeutschen Sprachraum gut. Wenn Schuhbeck an einer Suppe schmeckt, sagt er auch "nicht schlecht", mal so als Beispiel.


    Ich erwarte(te) von Chakuza überhaupt nichts, weil mich sein bisheriges Schaffen kaum tangiert hat, weder positiv noch negativ. Als ich mich aber mit seinem letzten Album beschäftigt habe, fielen mir eben einige Aspekte auf, auf die ich dann in der Rezension zum neuen Album geachtet habe, das ist aber einfach Nachvollziehen einer Entwicklung, keine Erwartungshaltung. Um eine solche geht es auch überhaupt nicht, genauso wenig um den Stil, den Chakuza gerade fährt, sondern im Kern geht es um immer schlechter werdende Lyrics. Ich bezweifle überhaupt nicht, dass man gute Lyrics schreiben und gleichzeitig Chakuzas aktuellem Stil treu bleiben kann- nur kann Chakuza das halt anscheinend nicht. Und die Ausrede, der brauche keine guten Lyrics mehr, der habe schon so viele geschrieben, die lasse ich mal im Raum stehen. Und wer die von mir zitierten Lyrics nicht beschissen findet, dem kann ich beim besten Willen nicht mehr helfen.


    Dein Waterboarding-Absatz erschließt sich mir nicht wirklich. Wenn dein Fazit "das Album ist eine Frage der Erwartungshaltung bezogen auf Kenntnis seiner Werke" ist, dann habe ich doch nach deinem eigenen Vorwurf alles richtig gemacht, da du ja behauptest, ich hätte mich nur auf meine Erwartungshaltung verlassen? Außerdem habe ich ihn nicht im Bach ersoffen, es finden sich genügend positive Elemente in der Review- deswegen ja auch 2,5- die muss man sich erst mal verdienen, bei Vollscheiße gebe ich auch gar kein Mic.

  • das album hat nur chakuzas entwicklung der letzten jahre fortgeführt.


    Immerhin ist er konsquent.


    Was für mich nichts daran ändert dass er einer der vielen Rapper ist, denen das Erwachsenwerden/ichbinjetzteinrichtigermusikermitallemundso einfach nicht gelungen ist.

  • Immerhin ist er konsquent.


    Was für mich nichts daran ändert dass er einer der vielen Rapper ist, denen das Erwachsenwerden/ichbinjetzteinrichtigermusikermitallemundso einfach nicht gelungen ist.


    Kann ich so unterschreiben
    Wobei ich eigentlich nie so wirklich was mit chakuza anfangen konnte

  • ambros sowieso immer beste!

    “We had two bags of grass, seventy-five pellets of mescaline, five sheets of high powered blotter acid, a salt shaker half full of cocaine, and a whole galaxy of multi-colored uppers, downers, screamers, laughers... and also a quart of tequila, a quart of rum, a case of Budweiser, a pint of raw ether and two dozen amyls.
    Not that we needed all that for the trip, but once you get locked into a serious drug collection, the tendency is to push it as far as you can.”

  • [MENTION=1007348]MDSN[/MENTION]: völlig ok, genau dafür schreibe ich reviews, wenn irgendeiner armen sau um 13:11 in der arbeit so langweilig ist, dass er noch lieber was altes über chakuza liest.

  • Seine Aussagen über Prince danach auch der Hammer. Scheint sich ja richtig mit seinem "Lieblingskünstler ALLER Zeiten" beschäftigt zu haben, wenn er sagt, dass DJ Bobo wahrscheinlich mehr verkauft hätte. Kleiner Blick auf Wikipedia, DJ Bobo ca. 15 Millionen verkaufte Tonträger, Prince knapp über 100 Millionen. Was denken sich solche Leute wie Chakuza eigentlich.

    [indent]It ain't about who did it first, it's about who did it right.[/indent]

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