Review: Juke & Imun – Der Erste macht das Licht an



  • 01. Generation Zukunft
    02. Wer schreibt die Hook
    feat. Mädness
    03. Funkyjazzloop ... (Skit)
    04. Die Straße
    05. B.S.E.R.
    feat. Maniac
    06. Keine Panik/Swagger zurück
    07. 10 Minuten zu spät (Freestyle)
    08. Slumvillagedetroitstyle
    09. ... stiftundpapier (Skit)
    10. Antichrist
    feat. Jaques Shure & Maniac
    11. Victoryzeichen feat. DNA
    12. Yesterday feat. Amboss der Radiator
    13. Jong-Chi Schmidt
    14. Rambo 7
    15. Schilderwald
    16. Goldene Zukunft


    Die deutsche Raplandschaft scheint so vielseitig wie nie zuvor zu sein. Straßenrapper, Azzlackz, Hipster, Horrorrapper, Vertreter der alten Schule, Maskenträger und Fantasiefiguren mit gepitchten Stimmen geben sich an jeder Straßenecke die Hand, jeder wird akzeptiert, alle feiern alles und jeder liebt jeden – scheinbar. Der Großteil bewertet diese Entwicklung als positiv und freut sich über die weniger werdenden Grenzen, die größer werdenden Möglichkeiten, weniger Tabus und die neue Innovation in der Rapszene. Allerdings kommt die Veränderung von HipHop nicht bei allen so gut an – Juke & Imun, neu gesignt beim süddeutschen Label WSP-Entertainment, bekannt durch Acts wie Demograffics oder Dexter, sehen diese Entwicklung nämlich etwas kritischer und nicken dem neuen Rapper von der Straße nicht sofort lachend zu. Mit ihrem Debütalbum halten sie fest: "Der Erste macht das Licht an" – und dieser Erste versteht sich ganz und gar nicht mit dem Neuen, der in dieses Licht rücken will.


    "Ich spiele nicht in deiner Liga, ich spiel' nicht mal dein Game/
    Ich will nicht, dass wir uns verstehen, ich will, dass du gehst/
    "
    ("Wer schreibt die Hook")


    Beim Blick auf die prominent besetzte Produzentenliste ist direkt klar, welcher Sound den Hörer auf diesem Album erwartet. Dexter, Fid Mella, Brenk oder Clefco stehen für druckvolle, nach vorne gehende Boombap-Beats, die in längst vergangene Zeiten zurückversetzen und Backpacker-Herzen höher schlagen lassen. Statt elektronischen Synthiebeats umschmeicheln Jazz- und Soulsamples die Ohren. Auf den Beats dieser DJ-Riege, die über das gesamte Album auf einem gewohnt überdurchschnittlich hohen Niveau die nötige Oldschool-Atmosphäre für die Texte der beiden erschaffen, lassen sich Juke & Imun nun größtenteils über die zwar angeblich vielfältigen, doch aus ihrer Sicht langweiligen und nicht ernst zu nehmenden deutschen Rapper aus. Viel bekommt die Straße ab, über die sich die beiden Bayern auf gefühlt der Hälfte des Albums lustig machen. Straßenrap sei monoton, es werde immer das Gleiche erzählt und das könne der nicht vorhandene Flow oder Skill natürlich auch nicht wettmachen. Juke & Imun selbst machen über 45 Minuten deutlich, dass sie sich stilistisch am traditionellen HipHop orientieren. Untergrund, Funk, Cuts, Kopfnicker-Beats, Samples und das Rappen über diese zeichnen ihren Stil aus. Dies wird unterstrichen durch einen echten, soliden Freestyle auf einen smoothen Piano-Beat, der einfach mit aufs Album gepackt wurde ("10 Minuten zu spät"). Die Interpreten scheren sich nicht um ausgefeilte Technik inklusive Wie-Vergleiche um 10 Ecken oder die krassesten Punchlines. Statt gestellten Gesprächen oder Schüssen hört man smoothe, kurze Jazzstücke als Skits zwischen den Titeln, welche sehr angenehme, weil passende Übergänge zwischen den einzelnen Tracks darstellen. Auf diese Weise stellt sich das Duo von einer erhabenen Position aus über die Personen, über das es textet. Negativ ist hier zu bemerken, dass bei Juke & Imun beim Hören des Albums eben die von ihnen kritisierte Monotonie eintritt. Der Rap ist stets solide und gut anzuhören, doch bleiben die Vorwürfe an die anderen Rapper immer dieselben: Dass sie immer das Gleiche machen, nicht wirklich das seien, was sie vorgeben zu sein et cetera, wodurch die beiden genau in diese Eintönigkeit abdriften – auch weil sie eben nicht allzu ausgefeilt rappen und Flowvariationen eher rar gesät sind.


    "Dein Conscious-Rap ist wie das Ergebnis eines Aids-Tests/
    Man kann auch im Positiven die Negativität sehen/
    "
    ("Detroitslumvillagestyle")


    Doch sind die anderen Rapper nicht das einzige Thema auf "Der Erste macht das Licht an". Immer wieder blitzt Sozialkritik in den Texten der Frankfurter auf, die in Bildern, Metaphern und Alltagssituationen beschrieben wird. Auf "Victoryzeichen" mit Tunnelblick-Music Mitglied DNA wird das kapitalistische "Babylon"-System kritisiert. Ansonsten drehen sich viele Titel um die standardisierte, einengende Zwangsordnung, Eingrenzung oder Bestimmung durch Öffentlichkeit, Staat oder falsche Bekannte ("Jong-Chi Schmidt"). Und, der Meinung der beiden Interpreten nach, eigentlich zu vermeidendes Verhalten sowie abzulehnende Werte von Menschen, wobei sich auch die beiden Rapper selbst nicht immer von diesem Verhalten freisprechen können. Auf atmosphärisch stets perfekt abgestimmten Beats verpacken die beiden ihre Nachrichten meist im Subtext, sodass man noch ein zweites oder drittes Mal hinhören muss, um den Großteil verstehen und bewerten zu können.


    "Ey, ich schau' raus auf die graue Steinwand meines Nachbarn/
    Quadratisch exakt gepflastert, alles im Raster/
    Akkurat wie Servietten im Gasthaus, Broschüren im Rathaus/
    Die Hürden bei 'nem Wettlauf – stillgestanden!/
    "
    ("Schilderwald")


    Fazit:
    Juke & Imun bringen den Sound, den sie zuvor versprechen – in Verbindung mit soliden Raps und reflektierten, sozialkritischen beziehungsweise ironischen Texten über die Gesellschaft, Menschen und das Rapgeschäft. Leider verfallen die Texte, was die Beschreibung anderer Rapper in Deutschland angeht, oft ins Monotone, wobei der Battlecharakter, der eben neben den Cuts und den Sample-Beats zum Paket, das die Bayern anbieten, dazugehört, trotzdem vorhanden bleibt und auch gut ins Ohr geht. Die gut gewählten Feature-Gäste wie Maniac und Jacques Shure aus dem WSP-Umfeld oder Mädness reihen sich glänzend ein und ergänzen den Stil des Albums perfekt. Der gemeine "Straßen-" oder "Gangsterrapper" wird mit diesem Album wohl tatsächlich nicht viel anfangen können, wird sich über ihn doch quasi durchgehend ausgelassen. Für Boombap-Liebhaber und Fans von straightem, ungeschliffenem Oldschool-Rap sind Juke & Imun definitiv eine gute Wahl, die sicherlich die eine oder andere Session musikalisch begleiten dürfte.



    Alexander Hollenhorst (Holle)

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