Review: Marsimoto – Grüner Samt



  • 01. Grüner Samt
    02. Wellness
    03. Der springende Punkt
    04. Indianer
    05. Ich Tarzan, du Jane
    06. Grünes Haus
    07. Marsi der Zigeuner
    08. Mein Kumpel Spalding
    09. Alice im WLAN Land
    10. I got 5
    11. Absinth
    12. Blaue Lagune
    13. Angst
    14. Wo ist der Beat
    15. Für Uwe
    16. Der Sänger von Björk


    "Grün, grün, grün sind alle meine Kleider. Grün, grün, grün ist alles, was ich hab'." Wieso beginne ich meine Review mit diesem alten Volkslied? Nun ja, unser aller "Weedlingsrapper" Marsimoto nimmt dieses Stück auf seinem neuen Album "Grüner Samt" wohl mehr als wörtlich, scheint er doch die ganze Welt durch eine grüne Brille zu sehen. Nachdem er dies vor kurzem auf seiner "Green JUICE EP" schon bewiesen hat, geht es nun an das große Album. Dem erfahrenen Rapfan fällt natürlich sofort die Anlehnung des Albumtitels an Torchs Klassiker "Blauer Samt" auf. Aber darf sich Marterias Alter Ego wirklich mit einem derartigen Meilenstein der Deutschrapgeschichte vergleichen? Wir werden sehen.


    "Endlich wird wieder gekifft/
    Du hast doch längst vergessen, wie das ist/
    Das kleine grüne Gold in deiner Hand/
    Grüner Samt/
    "
    ("Grüner Samt")


    Schon der Titeltrack "Grüner Samt" begrüßt mich direkt zu Beginn mit einem chilligen, reggaeartigen Beat, zu dem ich am liebsten direkt die Augen schließen möchte, um beim Erwachen irgendwo im sonnigen Jamaika aufzuwachen. Dann setzt Marsis Stimme ein, die mir, nach kurzer Eingewöhnungszeit, überraschend gut ins Ohr geht. Schon die ersten gerappten Sätze des Albums lassen mich vermuten, dass sich die nächste knappe Stunde ausschließlich um die Benutzung und Huldigung der grünen Droge drehen wird.
    Diese Befürchtung bestätigt sich zum Glück überhaupt nicht. Schon der zweite Track der Platte "Wellness" kommt mit einer derartigen Power daher, dass ich direkt aus dem narkotischen Zustand aufschrecke, in dem mich das vorherige Lied zurückließ. Textlich glänzt Marsi mit abgedrehten Wortspielen und mitreißendem Flow, der nur noch von dem spektakulären Beat übertroffen wird. Ich bin überrascht. So hört sich nun wirklich keine Kiffermusik an. Eher scheint Marsimoto bei diesem Track zu versuchen, ein Stück weit "back to the roots" zu gehen, was sich auch in der Hook widerspiegelt.


    "Was ist denn mit der Realness?/
    Wer malt heute noch den Zug?/
    Alle nur noch Wellness/
    "
    ("Wellness")


    Thementechnisch zeigt sich also doch Abwechslung. In welchem riesigen Ausmaß sich diese Abwechslung darstellt, fällt mir erst auf, als ich die nächsten Lieder durchhöre. Die Themen der Lieder sind ebenso verrückt wie genial. So beschreibt Marsimoto auf "Der springende Punkt" sein Leben als Leberfleck auf den Körpern von berühmten Persönlichkeiten, die alle, sehr zu seinem Leidwesen, früh das Zeitliche segnen mussten. Nachdem ich mit breitem Lächeln dasitze, stellt sich mir nur eine Frage: Wie, um alles in der Welt, kommt man auf so etwas? Ähnlich außergewöhnlich geht es auch weiter. Marsimoto scheint alles zu sein. Er ist "Marsi der Zigeuner", dann ein "Indianer" und später, im Track "Blaue Lagune", ein melancholischer Wal, der traurig über seine Beziehung zu den Menschen und das drohende Ende seiner Art berichtet. Dann wieder kehrt er zum alten Muster zurück und beschreibt auf "Ich Tarzan, du Jane" auf einer höheren Ebene seine eindringliche Liebe zum Weed. Auf einer sehr langsamen und smoothen Produktion von Nobodys Face dankt Marsi Gott für seine Freundin mit dem "goldgrünen Haar". Ähnlich wie auch schon "Grüner Samt" ist "Ich Tarzan, du Jane" ein Song zum Zurücklehnen, Chillen und perfekt, um sich in der Musik zu verlieren, was mir bei Marsimoto, auch ohne auf gewissen Substanzen zu sein, überraschend leicht fällt. Nach diesem kleinen Ausflug zurück in den Kopf des Kiffers entfaltet sich wieder der immense Themenreichtum von "Grüner Samt". Auf "Mein Kumpel Spalding" beispielsweise erzählt der "Greenberliner" die Geschichte eines Reisenden, der in "Cast Away"-mäßiger Manier gestrandet ist und sich mit einem Spalding-Basketball anfreundet. Anders als in erwähntem Filmklassiker zeigt sich der Protagonist aber sehr erfreut über sein neues Leben und denkt gar nicht mehr daran, den Weg zurück in die Zivilisation zu suchen. Viel lieber verbringt er von nun an seine Zeit mit diversen üblichen Inselaktivitäten und der Freundschaft zu seinem neuen Kumpel, dem Basketball. Untermalt wird diese humorvolle Geschichte von einem sehr lockeren Kid Simius-Beat, der perfekt zur vorherrschenden Inselstimmung passt.
    Auch an eben diesen stimmigen Produktionen von unter anderem Dead Rabbit, Kid Simius oder Nobodys Face liegt es, dass die Lieder auf "Grüner Samt" alle einen eigenen und einzigartigen Charakter aufweisen und sich soundtechnisch sehr vom Einheitsbrei abgrenzen. Natürlich kann einem bei solch eigenem Sound nicht alles perfekt ins Ohr gehen. So vermasselt mir der Beat von "Alice im WLAN Land" durch seine völlige Überladenheit die an sich gute Idee. Schade, denn thematisch gefällt mir der Track eigentlich recht gut, dreht es sich doch um den Gedanken des Überwachungsstaates und des "gläsernen Menschen". Alles aber natürlich wieder in gewohntem Marsi-Style erzählt und ausgestattet mit dem gewissen Augenzwinkern und Wortwitz.


    "Geh' auf die Straße, kann es kaum erwarten/
    Doch ich glaub', ich werd' beobachtet vom Fahrscheinautomaten/
    Ein Döner und 'n Ayran, schon haben sie meine Daten/
    Werd' gefilmt aus meinem Garten, da ist 'ne Kamera im Raben/
    "
    ("Alice im WLAN Land")


    Natürlich gibt es neben dieser bunten Mischung an verschiedenen Themen auch die ein oder anderen Tracks, die einem nicht als vollkommen innovativ und "nie-da-gewesen" vorkommen. Ich nenne sie einfach mal die Representer. So würde ich zum Beispiel "Grünes Haus" und "Wo ist der Beat" bezeichnen, da sie – im Gegensatz zu den vielen genannten Tracks – keine abgegrenzten Themen ausfüllen, sondern sich vielmehr durch die witzigen Lines auszeichnen. Durch die fantastischen Beats und den coolen Style von Marsimoto werden sie zwar soundtechnisch dennoch zum Ohrenschmaus, stinken im Vergleich zu den anderen Liedern aber trotzdem ziemlich ab.


    Fazit:
    Hat man nach diesem Album selbst die grüne Brille auf? Also ich schon! Ich war teilweise wirklich überrascht, da ich eine solch bunte Themenvielfalt – trotz des grandiosen Marteria-Albums aus dem Jahre 2010 – nicht erwartet habe. Mit gepitchter Stimme und beeindruckenden Beats schafft es Marsimoto, einen wirklich einzigartigen Sound zu erschaffen und noch dazu besitzt jeder Track seine ganz eigene Atmosphäre, was sicherlich auch zu einem großen Teil den Produktionen zu verdanken ist. So gelingt es ihm, ein sehr eigenes, aber auch sehr gutes Album abzuliefern. Zum Deutschrapklassiker wie "Blauer Samt" reicht es zwar nicht ganz, aber dennoch ist "Grüner Samt" ein herausragendes Album, das mir noch einige Male ein fettes Grinsen ins Gesicht zaubern wird. Und das, auch ohne zu kiffen.



    Florian Peking (Florginal)

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  • Das Album geht echt gut ins Ohr. Mir gefällt es sehr gut

    Zitat

    Ich hab' während der Schwangerschaft Mama in den Bauch getreten
    Denn ich wollt' so schnell wie möglich raus, um mein' Traum zu leben

    :king:

  • Gute review / Gutes Album ... versuch jedoch nächstes mal (wenn möglich) auf das Wort Kiffer zu verzichten. Es ist so ein belastetes Wort :smoke:


    Aber find eben sehr gut das es nicht als solch ein 'Kifferalbum' abgestempelt wird :thumbup:

  • Zitat

    Original von Sanos
    gut hehe


    Super Aussage, hehehehe.


    Muss es mir noch anhören, hab' aber u.A. nach der Review auch echt Lust drauf!

  • Zitat

    Original von RiDe
    Review entspricht 100% meiner Meinung.Alice im Wlan Land ist der einzige Track der nicht ins Ohr geht.Sonst echt geiles Album!


    komischerweise ist das mein lieblingstrack auf dem album :D
    ist wohl alles geschmackssache =)
    album lohnt sich auf jeden fall gekauft zu werden!

  • Zitat

    Original von -Sly-
    ich werd nie vergessen wie ich überhigh da saß und, ich weiß nich mehr welches lied, mich nochmal auf ein ganz anderes high-level gebracht hat, es war fast magisch, und überaus entspannend...



    hahaha :D ja auf jeden ! Wäre genau meine Wortwahl gewesen! (vorallem "ich weiß nich mehr welches lied ;D")

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